Foto: Dina Lucia Weiss
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Zu Gast im Mai

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0630 - Belehrung im Mai

Im Gartenstuhl liegt das Mathematikheft, darin die bösen Worte, darin die Brüste, die Blume und das viele Durchgestrichene. Das Kind findet keinen Schmetterling, keine Blume, vielleicht ein Käfer? Wie dumm, dass es etwas geschrieben hat, denkt es jetzt, die Vaterschritte, die Stiefelschritte hinter sich (wohin tritt er nur auf?), wo doch gerade dieses Schreiben ein völlig sinnloses Schreiben ist, um das niemand gebeten hat. Vor allem jedoch in Anbetracht der Tatsache, dass das Lesen und Schreiben, justament das Lesen und Schreiben, genau das ist, wovon niemand leben kann, ja: nicht einmal das Kind, dieses überaus begabte Kind wird davon leben können, vor allem nicht später. Niemand habe etwas zu verschenken, sagt der Vater jetzt (wo ist er?), auch das Kind nicht, das noch gar nichts besitzt außer sich selbst, aber auch davon darf es nichts hergeben. Auch wenn es Begabung zeige – man hört: der Vater nimmt das Mathematikheft vom Stuhl – vom Bücher schreiben werde dieses Kind, ja: nicht einmal dieses Kind leben können. Es werde sich unglücklich machen, es sei ja bereits unglücklich. Man sehe ihm sein Unglück geradezu an: Bei diesem Wetter, diesem Kaiserwetter, wolle es im Zimmer sitzen und schreiben. Richtiggehend hinauszerren müsse man es, dieses ungehorsame, sich selbst nicht ins Leben, sondern in den Tod schreibende Kind. Kürzlich habe man bereits die ersten Anzeichen dieses Totschreibens gesehen: Mutter hat es gesehen, sagt Vater. Sie habe es erzählt: Nur etwas Dünger habe sie aus dem Keller holen wollen, die Arbeitshandschuhe noch übergestreift, darauf Erdstaub, feiner Erdstaub, im Keller also: Mutter mit Arbeitshandschuhen, während er nun das Mathematikheft: Hat er schon gelesen? Schon gesehen: die Brüste, die Blume, die bösen Gedanken? Etwas Dünger, also, wegen der Pflanzen, sagt Vater, dieser Erdvater, wegen des schlechten Bodens. Da sei es gelegen: Das eigene Kind, am hellichten Tage sei es gelegen. Wie tot sei es da gelegen, habe Mutter erzählt, und man sei völlig hilflos gewesen. Mutter sei in Anbetracht ihres eigenen, am kalten Fliesenboden liegenden Kindes voller Sorge gewesen. Man habe sich das nicht erklären können. Ob man jemand rufen solle, habe sie sich gefragt. (den Vater vielleicht?).
Die Wespe sticht, fliegt davon. Einen Augenblick sieht das Kinderauge dem Insekt nach: Wo es verschwindet, wohin es sich verkriecht: in einen kleinen Spalt im Mauerwerk, und ob es nicht besser wäre, ein solches Insekt zu sein. (Wo aber bin ich denn herausgefallen?, denkt das Kind.)   (3/3)

0629 - Belehrung im Mai

Das leise Auftreten hat damit ein Ende. Die Erdgräber blicken auf, Vater putzt seine Kleidung, er schlägt die Hände ineinander, es knallt (War da ein Kinderkopf dazwischen?), beginnt zu sprechen. Vor ihm die Staubwolke, aus der sich das Vatergesicht formt. Das Kind bleibt stehen, sieht weg. Ist da nicht eine hübsche Blume, die man betrachten kann? Ein Schmetterling, Marienkäfer?
 Du wolltest heimlich zurück ins Haus, sagt Vater, heimlich, um ein Buch zu lesen. Du bist ein heimliches Kind, sagt er, und das sieht er nicht gerne. Man hört: Das Gartengerät fällt jetzt zu Boden, die Stiefelschritte Vaters auf der Erde, ein Handschuh fliegt davon. Das Heimliche bekommt ihm nicht. Das Unheimliche liegt ihm näher.
 Belehrung jetzt: Vom Bücher lesen könne niemand leben. Vor allem später könne man vom Bücher lesen nicht leben. Noch weniger als vom Bücher lesen könne man nur vom Bücher schreiben leben, sagt Vater, am Allerwenigsten jedoch könne man später vom Bücher schreiben leben, weswegen es völlig idiotisch sei, damit überhaupt anzufangen, vor allem, da niemand darum gebeten habe, auch er nicht, der seine Stiefelschritte über die Erde zieht.   (2/3)

0628 - Belehrung im Mai

Die Erinnerung zeigt: ein Kind in einem Gartenstuhl. Es schreibt, streicht durch. Man sieht die Finger sich zur Faust ballen. Der Ärger steht ihm ins Gesicht geschrieben, im Heft Mathematisches - es wird durchgestrichen. Die Faust schlägt gegen das Heft, noch einmal, dann ist der Ausbruch vorbei. Das Kind zeichnet eine Blume, schreibt einige Worte, besinnt sich, erinnert sich: schreibt böse Gedanken nieder. Dann sieht es auf.
Vor ihm steht ein kleines Gefäß mit Wasser, in das seine Kinderfüße getaucht sind, etwas weiter weg Vater und Mutter, beide vom Kinderkörper abgewandt, mit Gartengeräten bewaffnet. Sie hacken in der Erde. Es ist unverständlich, was sie genau tun. Sie haben die Oberkörper vornüber gebeugt, die Beine gespreizt, blicken auf den Erdstaub zu ihren Füßen, in den sie mechanisch ihre Gartengeräte schlagen. Ihre Gesichter verschwitzt, dreckig, zornig, nur wenige Zentimeter über dem Staub.
 Das Kind steht auf, Stift und Heft bleiben liegen. Wie man nun sieht, wurde noch mehr Themenfremdes geschrieben: weitere Wortansammlungen, ein Schmetterling, die Brüste einer Frau, mehr böse Gedanken. Man wird gewahr: Es wollte Vater und Mutter täuschen. Es ist ein täuschendes Kind. Es geht einige Schritte im Gras, versucht leise aufzutreten. Es fürchtet sich vor den Blicken der Eltern, dann vor einer Wespe, die im Gras fliegt, bleibt stehen, geht einen Umweg um die Wespe herum. Sie fliegt nach. Das Kind schlägt nach ihr, wieder die Faust, verfehlt, noch einmal die Faust, erneut verfehlt es.    (1/3)

0627 - Flirt

Ich hatte alles von diesem einen Gespräch abhängig gemacht, aber noch während ich zu sprechen ansetzte, konnte ich – von plötzlicher Übelkeit befallen – dem Druck nicht mehr standhalten, sodass bald alles, was ich in den letzten Tage und Wochen so begeistert in mich aufgenommen hatte, zwischen meine Lackschuhe auf den Parkettboden klatschte. Ich hatte jedoch zu meiner eigenen Überraschung nicht in diesem heftigen Würgen innegehalten, sondern war noch weiter aus mir selbst herausgetreten, und von da an immer weiter, bis schließlich sogar mein eigener Magen und Teile der Speiseröhre vor meinen ungläubigen Augen aus meinem Mund herausgequollen und auf den Boden gefallen waren, was ein leichtes Ziehen in meinem Unterleib verursachte und mir in dieser Situation des Gespräches ganz und gar unwillkommen war. Diese Erfahrung hatte für mein weiteres Leben die größte Bedeutung, insofern, als ich mich dadurch veranlasst fühlte, mich hinkünftig den von mir begehrten Damen nur noch in äußerster Zurückhaltung zu nähern.

0626 - Der härteste Beruf der Welt

Weißt du, fragte mich der Schaffner, was der härteste Beruf der Welt ist? Er war im Wirtshaus während unseres Gespräches so nahe an mich heran gerückt, dass sein Bierkrug meinen berührte. Ich wollte es sofort wissen. Was ist der härteste Beruf der Welt?, fragte ich. Schaffner!, antwortete der Schaffner und war mit einem Mal ganz ernst. Ich bemerkte, dass er jetzt etwas an mir vorbeiblickte in Richtung der Tür, als wäre dort jemand erschienen. Es war aber dort niemand erschienen. Uns Schaffnern, sagte er, ist es unmöglich eine Familie zu haben. Zwei von drei Schaffnern sind geschieden, sagte er. Schaffner zu sein bedeutet die frühe Scheidung, die zerstörte Ehe. Die Tür nach draußen ging jetzt tatsächlich auf. Es war aber nur der Sohn des Wirtshausbesitzers, der hell lachend – ich weiß bis heute nicht, worüber – die Faust um den Hals einer dicken Weinflasche geklammert, vom Grillplatz zu uns herein kam.

0625 - Schauen Sie sich das doch an!, sagte der Friedhofswärter

Ich hatte die Zeitungen auf sein Verlangen hin aus den sonntäglichen Verkaufsboxen herausgestohlen. Er hatte mich darum gebeten, nachdem er mich vor dem Grab meines Schwiegervaters angesprochen hatte: Ein alter Mann war das gewesen. Ich hatte ihm die Bitte unmöglich verwehren können. Und wieder blätterte er jetzt in den drei übereinanderliegenden Zeitungen gleichzeitig. „Seite sieben!“, rief er dabei aus und blätterte, „Seite neun! Seite elf!“ Er blätterte und kommentierte mit der größten Lust. Für einen Moment erschien mir der alte Mann wieder voller Jugendlichkeit zu sein, lachte mit glühenden Wangen und rollenden Augen, ich hingegen war über seinen Erklärungen, die nichts als die Wahrheit waren, wie jedermann weiß, eingesunken und musste mich mit den Handballen am Tisch stützen.    (5/5)

0624 - Schauen Sie sich das doch an!, sagte der Friedhofswärter

Im Ausland, sagte der Friedhofswärter, erzähle man sich das Märchen, österreichische Politik werde von österreichischen Politikern bestimmt, und diese wiederum von österreichischen Männern und österreichischen Frauen. Tatsächlich aber, sagte der Friedhofswärter und holte jetzt ein Stück Brot aus der vor Feuchtigkeit undurchsichtig gewordenen Plastikverpackung, aber ohne die Finger von den Zeitungen lassen zu können, „in Wahrheit wird alles in Österreich von den Boulevardzeitungen bestimmt. Alles!“ Und er sah mich zornig an, sodass ich jetzt doch einen Schritt zurückwich. Nur im Ausland glaube man, Österreich sei eine Demokratie, sagte der Friedhofswärter. Tatsächlich aber sei Österreich eine Boulevarddemokratie, „nein!“, sagte der Friedhofswärter und fiel sich selbst ins Wort: „Eine Boulevarddiktatur!“ Er war sichtlich stolz auf dieses Wort. Alles werde vom Boulevard bestimmt, sagte er. Alles fürchte den Boulevard. Alles schmiere dem Boulevard Honig ums Maul. Alles gehorche dem Boulevard. Erfolg oder Misserfolg – das sei hierzulande allein eine Sache des Boulevards. „Mit dem Boulevard bist du alles“, sagte er, „ohne den Boulevard nichts.“ Die Erfolgreichsten hätten das früh begriffen. Die Erfolglosen nie.    (4/5)

0623 - Schauen Sie sich das doch an!, sagte der Friedhofswärter

Er blätterte jetzt bei allen dreien die gleichen Seiten auf und fuhr mit dem Finger an der Druckerschwärze entlang. „Seite 3“, sagte er und schlug die erste auf Seite drei auf und dann die zweite und die dritte, und jedes Mal sagte er: „Seite 3“, und schenkte mir einen flüchtigen Blick, aber ich entgegnete gar nichts. Er sagte: „Das hier ist ein Monster, wissen Sie?“    (3/5)

0622 - Schauen Sie sich das doch an!, sagte der Friedhofswärter

In größter Lust hatte er sie aufgeblättert. Er beleckte seinen Zeigefinger, fuhr damit Buchstabenreihen nach. Dann drehte er mir den Kopf zu, seine Augen rollten. Er sagte: „Die Zeitungen in diesem Land sind die schlimmsten in ganz Europa! Das wissen Sie doch. Sie sind so schlimm, dass selbst die Politiker größere Angst vor den Zeitungen haben als vor ihren Wählern.“

Er beobachtete mich wieder kurze Zeit, ob ich etwas entgegnen würde, aber ich entgegnete nichts. Ich beobachtete nur mit Verwunderung, wie sich seine Augenbrauen im Zorn bewegten, gleichzeitig in einer jugendlichen Leidenschaft. Wie er über diese Zeitungen gebeugt leuchtete, voller Spannkraft, als wäre es dem alten Mann nun möglich, aufzuspringen und einem Unbekannten an den Hemdkragen zu fallen.

„Wenn ein Politiker hierzulande eine Entscheidung trifft, überlegt er nicht: Was wird das Volk zu dieser Entscheidung sagen? Er überlegt allein: Was wird diese Zeitung darüber schreiben? Solcher Weise ist die Macht dieser Blätter hierzulande.“ Und gleich darauf sagte er: „Dieses Land wird ja tatsächlich von den Boulevardzeitungen bestimmt und nicht von den Menschen. Widersprechen Sie nicht!“ Und gleich darauf drohte er noch einmal: „Widersprechen Sie nicht!“

(2/5)

0621 - Schauen Sie sich das doch an!, sagte der Friedhofswärter

Er hatte mich gleich am Tor angesprochen.
„Haben Sie alle bekommen?“, fragte er.
Mit gesenktem Kopf folgte ich ihm zwischen den Grabreihen hindurch über den Kies bis in seinen Schuppen hinein. Dort standen wir einander nun gegenüber: er, der mächtige Alte,

der gleichzeitig auf eine eindringliche Weise krankhaft wirkte. Ich hingegen fühlte mich jung und gesund. Ich war nur vor der hünenhaften Gestalt erschrocken, die mir am Tor

aufgelauert hatte.
Auf einem zerkratzten roten Klapptisch standen ein paar Töpfe mit eingetrockneter Blumenerde, ein Rasierpinsel und ein paar Scheiben geschnittenes Brot. Dorthin legte ich jetzt die Zeitungen. Ich zog sie unter meiner Achsel hervor. Sie waren warm und feucht. Und sofort griff der Friedhofswärter danach, legte sie übereinander, schlug sie auf. Es roch nach feuchter Erde und warmem Papier und nach dem Brot, das in der Plastikverpackung schwitzte.
 „Sehen Sie sich das an!“, sagte der Friedhofswärter. „Sehen Sie sich doch nur diese Zeitungen an!“    (1/5)

0620

Ich sitze im überfüllten Bus. Feuchtigkeit perlt an den Scheiben, dahinter hessische Felder, über denen der Hitze flimmert. Ein dicker Pensionist schiebt mir seinen Ellenbogen zwischen die Zähne. Und plötzlich: ein Ort namens Ungedanken.

0619

Eine Autofahrerin und ein Fußgeher behinderten einander gegenseitig. Die Autofahrerin beugte sich aus dem Fenster zu dem Fußgeher, einem alten Mann in kurzen Hosen, hinaus: Ich kann doch nicht weiterfahren, wenn Sie hier stehen bleiben!, sagte sie. Und dass sie doch in die Kirche müsste. Der Fußgeher war demonstrativ vor ihrer Kühlerhaube stehen geblieben. Jetzt brüllte er sie an: Ja, und ich kann nicht weitergehen, wenn Sie hier fahren. Sehen Sie denn nicht, dass ich gehbehindert bin? Dabei deutete er auf eine unbestimmte Stelle beinabwärts.
Die Autofahrerin fuhr weiter und parkte in Sichtweite – vom Fußgeher jedoch uneingesehen – vor einer Parfumerie. Der Fußgeher zog – sichtlich ohne jede Gehbehinderung und zufrieden einige misogyne Sprüche vor sich hermurmelnd – an mir vorbei.

0618

Am Abend kippt der Fischer am Schwedenplatz hinter der Urania die letzten Köder ins braune schlammigtrübe Wasser. Er klappt seine Anglertasche zu und trägt die zwei weißen Plastikkübel die Treppen hinauf. Als er an mir vorbeikommt, fällt mein Blick hinein. Ein Fisch erstickt dort noch auf seinen toten Artgenossen, öffnet und schließt die Kiemen, springt hoch bis knapp unter den Rand des Kübels.

0617

In der überfüllten Straßenbahn griff ein fremdes Kind versehentlich nach meiner Hand, statt nach der seiner Mutter. Es sah mich nicht an. Kurz hielt es sich fest, bevor es – von der Mutter gerufen – den Irrtum bemerkte.

0616

U-Bahn Station Astoria, Budapest – vier junge Obdachlose lagen schlafend in ihren Decken nebeneinander, während zwischen sie die genagelten Schuhe der Banker, die Stiefelabsätze der Damen fielen, als wäre dort nichts. Ich wartete auf jemanden, als eine der Schlafenden – es war eine junge Frau von etwa 25 Jahren – erwachte und mich über ihre Decke hinweg ansah. Ihr länger in die Augen zu sehen war unmöglich. Ein seltsames Gefühl begleitet mich in meinen Spaziergängen durch diese Stadt.

0615 - Das Schöne

Dass ihm alle fortwährend nur den Rat gaben, doch etwas Schönes zu schreiben, klagte der Schriftsteller seiner Frau. Darüber lachte sie. „Wie wäre das denn möglich? Wo du doch nichts Schönes in deinem Kopf drinnen hast!“ Sie umarmte ihn und küsste ihn an die Stirn. Danach aßen sie zu Abend. Es gab Bärlauch-Gnocchi auf Pecorino und Rucola, und der Weißwein schmeckte ihm so gut wie selten zuvor.

0614 - Libii

Und wieder brachte die Frau das schlüssige Argument, es sei ausgeschlossen, dass ein Hund sich selbst die Wohnungstür aufsperre, zumal ihr Hund auch keinen Schlüssel habe, denn den einzigen Schlüssel habe sie selbst hier in ihrer Tasche, und sie hatte bei dieser Gelegenheit auch ihren Schlüssel sichtbar vor dem Polizist und mir und den anderen zufriedenen Männern in den Fenstern aus ihrem viel zu langen Wintermantel herausgezogen.

Das Eintreffen des Rettungswagen kam für uns alle überraschend. Wir bemerkten ihn erst, als die blauen Blitze über die Häuserfassaden rauschten und über die nackten Männeroberkörper in den Fenstern und über den Stamm des Ahornbaumes und letztlich auch über den Polizisten und - was viel wichtiger ist – über die Frau. Die hintere Tür des Rettungswagens öffnete sich und jemand – es war wohl der Notarzt – sagte nur noch: „Guten Abend, gnädige Frau!“ Ich gebe zu, ich hätte jetzt gerne gehört, wie die Frau auch dem Notarzt von Liiibiii erzählte. Man hörte aber nur noch, wie die Tür zugeschoben wurde und wie der Rettungswagen – seine blauen Blitze über die Häuserfassaden schießend – aus der Gasse hinausfuhr und eine traurige Stille hinterließ.  (6/6)

0613 - Libii

Die Frau glaubte nicht, dass ihr entlaufener Hund zuhause auf sie warten würde. Sie gab den berechtigten Einwand, dass der Hund doch unmöglich selbst die Tür aufsperren hätte können, zumal er auch keinen Schlüssel besitze. Nein, der Hund müsse unbedingt hier sein, in dieser Gasse, sagte sie, und dass der Herr Polizist ein blödes Arschloch sei, ein herzloses Polizistenarschloch, sagte sie, und sie rief wieder „Liiibiii, Liiibiii“.

Ich freute mich jetzt so sehr, dass ich aus mir herauslachte, als auch der Polizist zwar zaghaft, aber doch beherzt den Namen „Liiibiii“ ausrief, und dabei einige Schritte mit der Frau vor seiner Polizeiinspektion in Richtung des Cafés machte, um dort unter einen der aufgestellten Plastiktische zu blicken, ob da etwa der Hund wäre. Es waren aber nur ein paar Bierdosen dort. Wir alle waren völlig verblüfft. Nicht alle waren so begeistert. Den Polizisten aber mit dem Totschlagen zu bedrohen, wagte niemand.

Es war kein Hund zu finden, und die Frau war nicht dazu zu bewegen, in die Polizeiinspektion einzutreten, sie wollte draußen ihren Hund suchen, und ich konnte sehen, dass der Polizist langsam Zweifel an der Existenz dieses Hundes bekam. Er sagte: „Ihr Hund ist sicher schon zuhause. Gehen Sie nach Hause. Ganz sicher, ihr Hund ist doch sicher zuhause. Gehen Sie doch nach Hause. Dort ist Ihr Hund.“ (5/6)

0612 - Libii

Es war ihr Hund. Sie zog jetzt auch das Lederband von ihrem Handgelenk. Das war die Leine. Dort drinnen, zeigte sie dem Polizisten und damit auch uns in den Zuschauerrängen, dort drinnen in der Leine hatte ihr Hund gesteckt. Jetzt aber steckte nichts mehr in dieser Leine. „Liiibiii“ war ihr Hund, sie hatte ihn Liiibiii getauft, dachte ich, und dachte gleich, wie sehr ich Ottakring für diese Vorfälle doch liebte, eine Frau, die ihren Hund Liiibiii taufte, dachte ich und schnalzte dabei mit der Zunge, und schnalzte noch einmal mit der Zunge, als die Männer in den Fenstern über diesen Namen den Kopf schüttelten, ihre Drohungen jedoch aus Respekt vor der Anwesenheit des Polizisten nur noch in tödlichen Gesten ausführten.

 Der Polizist machte ihr den Vorschlag, zuhause auf die Rückkehr ihres entlaufenen Hundes zu warten. Er sah kurz zu einem von uns hoch, es war aber gar kein Gelächter von dort gekommen. Niemand hätte das gewagt. Er meinte es gut, wenn er die Hand an die Kappe führte und sagte: „Der ist sicher schon zuhause, ihr Liiibiii.“ Ich freute mich, dass der Polizist den Namen Liiibiii tatsächlich ausgesprochen hatte, das musst du dir merken, sagte ich mir sofort, dass der Polizist den Namen Liiibiii ausgesprochen hat, er hatte auch beide Silben langgezogen, wie es die Frau getan hatte.  (4/6)

 

0611 - Libii

Am Ende unserer Gasse ist eine Polizeiinspektion. Dort ging sie vorbei. Sie trug einen blauen, viel zu langen Wintermantel und grüne Strümpfe darunter. Ob sie Schuhe trug, kann ich nicht sagen. Um ihr Handgelenk hatte sie ein Lederband gewickelt. Was das war, konnte ich nicht sehen. Sie rief „Liiibiii“, und zählte die Nummer der Polizeiinspektion, die auf Nummer 2 ist, und ich sah, dass drinnen in der Polizeiinspektion Licht war. Aber aus dem Fenster der Polizeiinspektion sah kein Polizist heraus. Die ganze Gasse sieht auf die Gasse und also auf diese Frau heraus, dachte ich, nur der Polizist sieht nicht heraus.

Erst nach einer halben Stunde kam der Polizist heraus. Während wir Männer doch alle mittlerweile sehr fit aussahen, sah er drein, als hätte er eben erst seinen Pyjama aus und seine Hosen anziehen müssen. Er hatte keine Freude daran gehabt. Er führte die Hand an seine Kappe, wie das die Art der Polizisten ist, ließ die Tür zur Polizeiinspektion zufallen und trat dann nur zur Hälte entschlossen vor die Frau und fragte überraschend laut, sodass wir es alle hören konnten: „Was suchen Sie denn?“ (3/6)

0610 - Libii

Es war drei Uhr zweiundvierzig. Die Frau gab uns jetzt Hinweise auf ihren Aufenthaltsort. Sie nannte die Nummern der Haustüren, unter deren hell erleuchteten Fenstern sie entlang lief: „Nummer 42“, rief sie, „ich gehe jetzt Nummer 44, Nummer 46“, und dazwischen rief sie immer wieder „Liiibiii“, und gleich darauf rief wieder einer der Männer: „Ich hau dich jetzt tot! Ich hau dich tot! Halt dein Maul!“ Aber natürlich machte er keine Anstalten, aus seinem Pyjamas hinaus und in seine Hosen hinein zu schlüpfen. Wer hätte das auch von ihm erwartet? Wir suchten die Frau und die Frau suchte Liiibiii. Wer ist Liiibii?, fragte ich mich, und der Mann neben mir, der sie tothauen hatte wollen, fragte auch: „Wer ist denn Liiibiii, verdammt?“

Aber die Frau gab uns keine Antwort, sondern rief wieder nur: „Liiibiii, Liiibiii.“ Und dazwischen zählte sie die Hausnummern auf, an denen sie vorbeikam. „Ich gehe Nummer 40, ich gehe Nummer 38, ich gehe Nummer 36, Liiibiii!“

Ich wohnte auf Nummer 14. Und wirklich. Kurz bevor sie „Ich gehe Nummer 14“ sagte und wieder „Liiibiii“, sah ich sie, und auch der Totschlagemann im Fenster neben mir sah sie, und der Mann unter mir, und alle brüllten jetzt begeistert: „Ich hau dich tot! Ich hau dich tot, halt endlich dein verdammtes Maul!“

„Liiibiii!“, rief die Frau, „wo bist du, Liiibiii?“ (2/6)

0609 - Libii

Ich wachte auf, denn auf der Straße rief eine Frau. Eine Verrückte, dachte ich erfreut. Ich stand sofort auf.

Vor meinem Schlafzimmerfenster standen zwei große Ahornbäume, deren Blütenduft zu mir ins Zimmer strömte, als ich die Doppelfenster öffnete. Die Nacht war still und schön, und die Frau rief. Es hörte sich an wie „Liiibiii!“ Ich streckte mich so weit es ging aus dem Fenster, aber die Frau war nicht zu sehen.

Auch aus den anderen Fenstern streckten sich jetzt die Leute und hielten nach der Frau Ausschau. Wie ich sahen sie niemanden. Sie sahen, dass ich sie beobachtete, und sie beobachteten mich. Alle in der Gasse streckten wir uns aus unseren Fenster. Alle beobachteten wir einander aus hell erleuchteten Fenstern, in denen die Vorhänge in der süßen Nachtluft waberten. Wir rochen den Duft der Ahornblüten dieses vorwitzigen Frühlings.

Die Frau rief: „Liiibiii!“ Und der Mann im Fenster links neben mir rief: „Wenn du nicht sofort dein Maul hältst, schlag ich dich tot!“

Ich kannte ihn. Ich mochte, wie er das sagte, obwohl ich natürlich nicht mochte, was er da sagte.  (1/6)

0608 - Die Welt - Ein Apfelkuchen

Ich hatte an einem strahlend blonden Tag ein Stück Apfelkuchen gekauft. Ich trat aus der Bäckerei hinaus, doch auf die Tische am Vorplatz wollte ich mich damit nicht setzen. Ich dachte statt dessen an eine bestimmte Stelle am Fluss, die ich tags zuvor entdeckt hatte. Ich wusste, dass dort eine Parkbank aufgestellt war.

Als ich den Platz jedoch erreicht hatte, erschien er mir mit einem mal nicht gut genug. Es war nicht so, dass es mir auf der Parkbank nicht gefiel, aber ich sagte mir, es würden doch stromabwärts noch andere Bänke am Fluss kommen, die besser dafür geeignet waren, darauf das Stück Apfelkuchen, das ein vorzügliches Stück Apfelkuchen war, zu verspeisen. Also ging ich weiter. Ich wollte einfach den besten Platz.

Viele Tische waren besetzt, und jene, die mir an anderen Tagen gut genug erschienen waren, erschienen mir jetzt für dieses Stück Apfelkuchen, das ich die ganze Zeit über auf einem Pappteller in der rechten Hand trug, nicht gut genug. Manche erschienen mir zu nahe an anderen besetzten Tischen, andere hatten zu viel Sonne, manche zu wenig, waren von Taubenkot verdreckt oder feucht von Regen, oder es gab sonst irgendetwas, das mir das Sitzen vergrämte. Es würden doch noch bessere kommen, dachte ich zuversichtlich, das naheliegende konnte auch unmöglich gut genug sein für ein Apfelkuchenstück wie dieses.

Als aber auch nach langer Zeit keine weiteren Bänke kamen, blieb ich stehen. Eine Stunde war vergangen, ich hatte das mit Schrecken von meiner Uhr abgelesen. Ich musste mehrere Kilometer gegangen sein, und der Fluss – ich blickte mich nach allen Richtungen um – war nicht mehr zu sehen. Stattdessen wanderte ich zwischen brachliegenden Äckern einen Feldweg entlang.

Nun denn, dachte ich. Ich rettete mich noch in dem Gedanken, ein solches Apfelkuchenstück, das in allen Belangen besonders und einzigartig war, wie ich schon beim Kauf in der Bäckerei bemerkt hatte, könne man doch auch im Stehen essen. Da fiel mir erst auf, dass meine rechte Hand, die das Stück doch gehalten hatte, schon seit längster Zeit wie gewohnt im Rhythmus meines unruhigen Gehens hin und her zu baumeln schien. Dass ich also nichts mehr hielt, mir dieses Apfelkuchenstück irgendwo ohne besonderes Aufsehen verloren gegangen sein musste.

Ich starrte auf die Innenfläche meiner Hand, an der nicht einmal mehr einzelne Krümel auf das Verlorengegangene hinwiesen. Nichts erinnerte daran, dass ich dieses Apfelkuchenstück besessen und in meiner Hand getragen hatte, und also damit glücklich gewesen war. Ich hatte mich selbst dieses Glückes beraubt.

Ich blickte hoch und sah die Äcker, auf denen nichts gedieh. Nur der Wind blies durch den Erdstaub durch die Furchen. Ich erfasste den Gedanken ganz plötzlich mit schauerlicher Gewissheit: Ich war allein, in dieser schrecklichen, apfelkuchenlosen Welt.

0607 - Schwimmbad

Eine neue Rutsche führt jetzt ins Schwimmbecken! Eigentlich ist es nicht richtig, von einer Rutsche zu sprechen. Bei genauerer Betrachtung erscheint es vielmehr als eine Art Abschussvorrichtung, die den Schwimmenden aus dem Becken hinauf in ein schmales Loch weit oben in der Mauer katapultiert. Wenn ein Schwimmer dort oben anlangt ist es ihm, als würde ihn etwas tief in das Loch hineinsaugen. Es mögen Ventilatoren in dem Loch sein. Dem auf diese Weise Eingesaugten wird also das Fleisch zerschnitten. Das ist mit keinerlei Schmerzen verbunden. Das habe ich mehrmals genau beobachten können. Viele meiner sogenannten Freunde sind auf diese Weise aus dem Becken in das Loch hinaufkatapultiert und dort eingesaugt und durch den Ventilator zerhäckselt worden. Es hat aber immer auch Proteste gegen diese Neuerung gegeben. Ich erinnere mich, dass einer – war es ein Bekannter oder ein Fremder, der mich in der Halle ansprach? – zu mir sagte, er verweigere sich, solange er nicht sicher sein könne, dass ihn das Katapult nicht versehentlich doch an die Wand und nicht in das Loch schleudere. Er würde nicht weitermachen. So drückte dieser Mann es aus. Ich war froh über seine Äußerung. Denn auch ich habe Angst. Ich verstehe nicht, warum man sich auf diese Weise hochschießen lassen muss. Ich bin davon überzeugt, es müsste doch eine Treppe hinauf geben. Aber ich habe bis heute keine gesehen.

0606 - LKW

Ohne Ursache fiel ein Mann vom Himmel, brach durch das Fahrkabinendach eines LKWs und blieb auf dem Schoß des graubärtigen Fahrers liegen. Dabei berührte sein Finger die raue Wange. Es war zärtlich.

0605 - Die Frauen in der Theke

Ich stand an der Theke einer Wurstabteilung. Eine Käsesemmel wolle ich haben, sagte ich der hässlichen Wurstverkäuferin. Ich deutete dabei auf einen Teil der Theke, der im Dunkel lag. Das seltsame Schimmern im Gesicht der Wurstverkäuferin verstand ich nicht.

In der Theke lag der Kopf einer Frau. Sie schlief. Da schläft ja eine, dachte ich und deutete der Wurstverkäuferin, die aber meine Handbewegungen nicht weiter beachtete. Und hier, dachte ich, hier schläft auch eine. Ich sah schließlich drei Kopfpaare in der Größe von großen Würsten, die Stirn an Stirn beisammen lagen. Hier schlafen also die Menschen!, dachte ich. Sagen konnte ich es nicht.

Ich war plötzlich vom Gedanken besessen, ich könnte in der Theke auch das Gesicht meiner Frau finden, ja, zweifellos lag sie dort bei einem anderen. Sie betrügt mich, dachte ich. Ob ich es nun sagen konnte, weiß ich nicht mehr. Sicher weiß ich, dass ich auf irgendein Gesicht deutete, das zweifellos nicht das meiner Frau war. Aber was ich zur Wurstverkäuferin sagte war: Hier, sie betrügt mich!

Die Wurstverkäuferin war über meine Inspektionen zornig geworden. Sie wollte nichts wissen von Frauenköpfen in ihrer Theke. Es war auch albern, denn ich hatte die Frau, die in der Theke lag, ja tatsächlich noch nie gesehen, auch die anderen nicht. Alle waren sie mir unbekannt, und keine von ihnen hätte ich je angefasst und wenn jemand anderer sie anfasste, so wollte ich doch lieber Mitleid darüber empfinden.

Die Wurstverkäuferin wollte den Laden jetzt schließen, und auch ich wollte gehen. In

unserem Vorhaben behinderten wir einander jedoch gegenseitig: Sie wollte die Rollladen herunterlassen, ich wollte zur Tür hinaus. So konnte keiner den Raum verlassen. Keiner wollte vor dem Willen des anderen zurückweichen, und so kam es schließlich soweit, dass ich den Schlüssel zu ihrem Wurstladen in der Hand hielt und sie mit der Fülle meines Körpers aus ihrem eigenen Laden hinausschob. Schnaufend wie eine Maschine hörte ich sie draußen unter der Markise stehen.

Ich ging ihr nach und schloss den Laden. Sie wartete, bis die Rollladen herabgefahren waren. Dann nahm sie meine Hand und wir gingen nebeneinander die Straße hinunter ins Dorf. Es war ein ruhiger Nachmittag, in dem die Schatten nur langsam von unseren Schuhen auf den Asphalt tropften.

0604 - Ein Hund schnappte nach mir

Ein Hund schnappte nach mir und hing dann, meine Hand tief im Maul, an mir. Ich schlug entrüstet auf ihn ein. Es kann doch nicht sein, dachte ich, dass dir dort der Hund hängt! Es tat aber nicht weh. Ich ließ von ihm ab. Es erschien mir jetzt auch vielmehr wie ein Handschuh, in den ich geschlüpft war, ein knurrender Handschuhkopf. Ich hatte nur Angst vor dem Anblick des lichten Fells an dem mir so bekannten Arm.

0603 - Durch die Fliege betrachtet

Menschen wie ich, sagte ich mir, müssen sich immer wieder neu dafür entscheiden. Bei uns geht es nie von selbst, nie als eine Selbstverständlichkeit, nie ohne darüber nachzudenken, nie ohne nicht eine Stunde, oft genug aber auch halbe Vormittage gedanklich damit im Kopf hin- und herzulaufen. Einmal aber wachte ich auf, und spürte bereits beim Aufschlagen meiner Lider die knisternde Veränderung dahinter.

Als ich mich nämlich einmal nicht mehr dazu entscheiden konnte, als ich die Frage sofort mit „Nein!“ beantworten musste, als ich immer wieder „Nein!“ sagte, in der ersten Stunden nach meinem Aufwachen dreimal, danach immer wieder und über den ganzen Vormittag hinaus: keinen Kaffee machen!, keine Zeitung!, das Haus nicht verlassen!, kein Toilettengang!, nicht wieder einschlafen!, niemanden anrufen!, nichts trinken!, nichts lesen!, nichts zur Hand nehmen!, nichts niederschreiben! Als ich also über eine Stunde einfach im Bett lag und den Fliegen zusah, die den Schweiß von meiner halb auf den Fußboden herabgerutschten Hand saugten, die schließlich immer respektloser wurden, aufdringlicher, die sich auf mir paarten, auf mir Nachkommen zeugten, auf mir einschliefen, wie ich feststellte, fand ich, dass es gut war. Einmal nur hob ich den Kopf vom Kissen, da war die Sonne bereits über den Häusern, und als ich ihn wieder senkte, war es Nachmittag und die erste Fliege starb auf dem Leintuch neben mir. Sie drehte sich über eine halbe Stunde im Kreis, wie ich von meinem Wecker ablas, immer im Kreis, bis sie plötzlich liegen blieb, und es war Abend, dann Nacht und dunkel, und ich schloss die Augen und fiel endlich todmüde auf das Kissen zurück.

0602 - Paul fährt nirgends hin

Ein Gebäude steht dort, wo lange Zeit keines stand. Das hat der Fortschritt gemacht. Früher war hier ein alter Bahnhof, aber hinter diesen Glasfassaden, die die Welt bedeuten, ist jetzt nicht nur der Bahnhof, sondern auch die Bahnhofspromenaden, für die sich ein Architekt mächtig ins Zeug gelegt hat. Er hat das für die Menschen getan, steht auf einem Schild.

Paul ist ein Mensch. Der Architekt hat das auch für Paul getan.

Der Bahnhof sah früher anders aus. Früher kannte hier Paul eine Plattform, die sonst

nur wenige kannten, und auf dieser Plattform stand ein alter Güterzug, in dem alle Türen offenstanden. Alles ändert sich. Der Bahnhof sieht dem Bahnhof von früher gar nicht mehr ähnlich. Da fehlt etwas, denkt Paul, und hält jetzt die Augen offen. Paul promeniert.

Paul benimmt sich daneben. Er bemerkt es zu spät. Es ist nicht so, dass Paul sich schlecht benehmen will. Es scheint aber, als würde er sich schlecht benehmen auch ohne es zu wollen. Sein Wollen oder Nichtwollen hat damit nichts zu tun. Paul benimmt sich immer schlecht. Den Kaschmirschal in der Auslage kann er sich nicht leisten. Er sucht den

Waggon, deren Türen immer offenstehen, aber er findet nur ein Schild mit einem Pfeil.

Und dieser Pfeil zeigt ihm jetzt, wo es lang geht. Es geht zu den Gleisen.

Paul kennt viele Bahnhöfe aus seiner Kindheit in einem fernen Land. Wenn Paul sich an seine Kindheit erinnert, erinnert er sich an viel schlechtes, von dem er nachts aus dem

Schlaf gerissen wird. Aber er erinnert sich auch an viele Bahnhöfe. Paul reist auch heute noch viel, obwohl er es nicht will. Um das Wollen geht es bei Paul nicht. Er fährt von einem Land ins andere. Wenn er ein Land betreten hat, muss er es manchmal gleich wieder verlassen. Manchmal hat man schon auf ihn gewartet und lässt ihn erst gar nicht in das Land hinein.

Er träumt davon, eines Tages nicht mehr zu reisen. Was für andere ein Vergnügen ist, macht Paul gar keinen Spaß.

Paul stellt sich auf die Rolltreppe. Es ist schön, dass er bewegt wird, ohne sich selbst zu bewegen. Er mag es, wie sich die Welt an ihm vorbei und hinunterzieht, und Paul sich gleichzeitig in die Welt hinein- und hinaufzieht.

Aber sobald Paul oben angekommen ist, ist die Freude zu Ende. Auch hier gibt es keine Gleise. Ein Bahnhof ist das gar nicht. Der Pfeil, der ihm gezeigt hat, wo es lang geht, hat gelogen. Auf einem Schild steht, dass man ihm gerne helfen will. Fragen Sie uns! Dort

stehen Menschen hinter einer Theke aus Glas und heben jetzt den Kopf. Sie sehen Paul

an, aber sie sehen nicht so aus, als wollten sie Paul helfen.

Er legt seine Hände ganz einfach auf eine Schaufensterscheibe. In seiner Kindheit waren

das die Hände, die einen Fahrradreifen aufpumpen konnten. In seiner Kindheit waren das auch jene Hände, die Kartoffeln aus der Erde gestochen haben. Und später haben diese Hände Dinge gemacht, die Paul gar nicht mehr wissen will. Jetzt liegen sie einfach auf der Scheibe und tun gar nichts mehr. Sie erinnern Paul an etwas, das so schwer ist, dass Paul zusammensackt und vor dem Schaufenster zu Boden sinkt. Die Erinnerung hat ihn niedergeschlagen. Es ist nicht das erste Mal.

Paul fährt nirgends hin. Die zwei Männer stehen hinter der Theke und sehen Paul immer noch an, und einer hebt jetzt den Telefonhörer auf. Früher war das ein Bahnhof, denkt Paul, mit einem Waggon, dessen Türen immer offenstanden.

Eine Tür geht auf. Es sind keine Weihnachtsmänner, die ihn im Namen der Sicherheit an den Oberarmen packen.

0601 - Zu groß (für B.)

Als die Tür ins Schloss fiel, bemerkte ich an den Dachverstrebungen meiner Wohnung mehrere Spinnennetze. Eine ehemalige Geliebte, die ich mehrere Jahre nicht gesehen,

und deren Kopf ich schon immer als zu groß erachtet hatte, hatte eben meine Wohnung verlassen. Während ihres Besuches waren mir die Netze nicht aufgefallen.

Nun aber begann ich sie näher zu betrachten und musste feststellen, dass sie in einer ungewöhnlichen Form gestrickt waren. Genau genommen war es falsch, überhaupt von Netzen zu sprechen, dachte ich, während ich die Schritte meiner Bekannten noch an den Treppen im Gang hörte, nur aus vorwitziger Verlegenheit hatte ich diese Gebilde an der

Decke meiner Wohnung Netze genannt. In Wahrheit, sagte ich mir, waren es doch einzelne Fäden, die von der Decke herabhingen. An jedem hatte sich ein Insekt verfangen, eine Wespe, wie ich bei näherem Blick feststellte; genau genommen, korrigierte ich mich, hatte

sie sich nicht verfangen. Keine Scheu, sagte ich mir, sieh nur genau hin. Tatsächlich hatte sich der Faden um den Kopf der Wespe gewickelt. Sie hat sich erhängt, sagte ich mir, du siehst es ja.

Wie dies geschehen war, versuchte ich mir zu erklären. In diesem Augenblick sah ich, wie meine ehemalige Geliebte mit überhastigen Schritten die Straße überquerte. Ohne weitere Umwege kamen mir auch diesmal beim Anblick ihres Kopfes die Worte zu groß in den Sinn. An der anderen Straßenseite passierte sie die Fassade eines Textilgeschäftes, auf der die Worte Für sie und ihn angebracht worden waren. Mehrmals und mit zunehmender Unruhe überflog ich die dicken Lettern und fiel dabei vor Erschöpfung zurück auf die schweissnasse Decke meines Bettes.