Foto: Dina Lucia Weiss
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Zu Gast im Mai

17-05 | Philipp Röding

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16-12 | Jürgen Bauer

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16-10 | Didi Drobna

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Zu Gast im September

16-09 | André Patten

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16-05 | Valentin Moritz

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Zu Gast im März

16-03 | Elias Hirschl

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Zu Gast im Februar

16-02 | Markus Mittmansgruber

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0228

Sei schweren Herzens, rät mir das Fernsehen. Jede Greueltat bekommt ihren strategischen Sinn aufgenagelt. Unsere Schätze haben uns erbeutet und geben uns nicht mehr frei.

0227

Kleine Kinder lachen sich über die burleske Festigkeit der verdichteten Materie in eine kreischende Hysterie hinein. Sie patschen kichernd mit ihren fettgepolsterten Handflächen auf die Tischplatten der Welt. Im Laufe ihrer Entwicklung nehmen sie diese Festigkeit immer ernster und ernster: die Gegenstände werden ihr Sinn und Lebenszweck. Wer wirklich freikommt, fängt sofort wieder von vorne an.

0226

Durch meinen zur Brust hängenden Kopf und meine immer leicht zitternden Hände stelle ich mich meiner Umwelt als betulich und bedauerlich dar: in Wirklichkeit allerdings kann ich unsichtbare und unendlich hohe Treppen hochsteigen und, kurz bevor ich im Blaugrau des Herbsthimmels verschwinde, verheerende Feuerströme erbrechen. Weil keiner etwas von mir weiß, habe ich noch nie geweint.

0225

Er träumte, daß eine meterlange Kotwurst aus dem After seiner ersten Jugendliebe glitt, während er sie bestieg. Sogleich flüchtete er vor seiner Familie in ein psychiatrisches Krankenhaus, wo er den ganzen Tag lauwarmes Mineralwasser schlürfte, bis seine Exkremente so farblos wurden, daß sie mit jedem Hintergrund unsichtbar verschmolzen. Nachts zählte er die blaugrünvioletten Flecken, die ihm die harten Griffe der Pfleger in die Haut seines Oberarms preßten, und riß die Ergebnisse mit seinen Zähnen in den Unterarm. Niemand will statt mir ich sein, schrie er eines frühen Morgens, und wurde als geheilt entlassen.

0224

Dann setzt sich eine Schmeißfliege in meine Gleichgültigkeit, die sich kräuselnde Wellen schlägt, und meine Lebenslust steigt ins Unmerkliche. Wie gut, daß ich nicht mehr hören kann, was die Menschen zu mir sagen, weil ich meine Ohrmuscheln mit Zement ausgefüllt habe. Ich bin so allein geworden, daß ich nur mehr in Gedanken duschen gehen kann: meinen Alltag gibt es nur mehr in meinem Kopf. Ich lasse alles fließen, was flüssig aus mir kommt, und schwimme durch den brackigen Horizont in kühlere Gewässer.

0223

Ich kann in diesem entleerten Zustand, in dem du mich durch deine Unermüdlichkeit hältst, nicht die Augen aufmachen, ohne vor Erschöpfung zu weinen, sagt die Mutter zu ihrem stumm abwartenden Kleinkind. Du rührst mich zu Tode, schluchzt sie. Das Kind wartet, bis es erwachsen ist. Aber die Mutter schrumpft zu einem Püppchen, und der Spieltrieb des ehemaligen Kindes siegt über die hart erlittene Reife: der Mutter wird der Hals abgeknickt und daraufhin der Kopf abgedreht. Das gealterte Kind muß sich selbst zum Sprechen überreden.

0222

Warum ist was?, fragte ihn jäh seine Tochter. Etwas gibt es überall, aber nicht oft, nicht überall, aber oft, stammelte er ohnmächtig. Der Strom fließt in die Wolfshöhle, knurrte drohend seine Tochter. Für die Manifeste der Dummheit an den Wänden und die Zusammenrottung der zukünftigen Menschenschlächter im Park gibt es keinen Grund, gab er halbfest zu verstehen. Du wirst am Gänsetelephon verlangt, sagte sein Kind und streckte ihm das Spielzeug entgegen. Er hielt den Plastikhörer an sein Ohr und lauschte dem zudringlichen Summen eines Zahnarztbohrers. Was ist warum?, fragte er jäh seine Tochter. Wenn dein Schluß sichtbar wird, rolle ich dir große rote saftige Pfirsiche in dein letztes Bett, tröstete sie ihn.

0221

Ich spüre den Junikäfer unter meinem Fuß auseinanderbrechen. Aus seinen Einzelteilen setze ich einen neuen Käfer zusammen und freue mich an meiner Schöpfungskraft. Wenn ich das auferstandene Insekt sanft anpuste, heben sich seine Flügel, und es wirkt beinahe, als lebte es noch. Bei jedem Flügelschlag erschrecke ich bis ins Knochenmark. Selbsttäuschung ist ein immer wieder gelungener Zeittotschlag. Im Übrigen ist es eine krisensichere Arbeit, zu existieren. Wesen werden immer von anderen Wesen gesucht. Man wird mit Wahrnehmungen aller Art entlohnt. Das Ende des Dienstes kommt immer zu früh, weil es soviel Spaß gemacht hat, zu sein.

0220

Halt, ruft der Bahnhofsangestellte die auf den Zug zuhastende Familie an, dieser Zug ist den Einzelnen vorbehalten. Die Kinder klammern sich schnaufend aneinander, die Eltern frieren im Laufen ein wie photographiert. So nahe waren wir uns noch nie, schluchzt die Frau. So sehr vor dir geekelt wie jetzt habe ich mich noch nie, keucht der Mann. Der Bahnhofsangestellte zerplatzt lautlos wie eine Seifenblase, hellrote Tröpfchen in die Gesichter der Familie spritzend. Der Zug ist dann noch für immer am Bahnsteig gestanden, während die Mitglieder der Familie schmatzend ineinander verschmolzen zu einem allerersten Menschen, wieder einmal.

0219

Während der Säugling sich in den Schlaf wälzt, zählt seine Mutter die Beine des Tisches immer wieder und wieder und kommt jedesmal auf ein anderes Ergebnis. Nichts ist fest, sagt sie ohne Ton. Ihr wird schwindelig von den Möglichkeiten ihrer Zukunft. Als sie aufsteht, um einen Kreis in der Mitte des Zimmers zu gehen, wird es dort, wo sie gesessen hat, ein bißchen wärmer, und sie vermißt die, die sie war, als sie noch saß, zutiefst. Sie legt ihre Hände auf ihre Wangen und spürt die Haut rascheln. In diesem Raum sind keine Menschen, flüstert die Mutter ihrem Kind zu, und die Lüge läßt sie wieder jung sein: zum Bersten voll mit hell glühendem Abscheu gegen die bestehende Ordnung.

0218

Das Saxophon überblies kreischend alle übrigen Instrumente. Eine Fontäne einer öligen schwarzen Substanz schoß aus dem Trichter und wurde von einem Mann im Publikum mit seinem Gesicht aufgefangen und geliebt. Mein Engel, sagte der Mann stimmlos zu der Schmiere. Die Zuhörer verschmolzen gegen Ende des Konzerts zu einer tiefen Nacht, in der sich die Musiker nicht ausruhen konnten. Und ich war noch immer traurig, weil ich heute einen Grashalm ohne Freunde gesehen hatte. Als wir aus dem Konzertsaal strömten, erfroren wir an der jähen Stille.

0217

Als ich auf der Terrasse saß, warf sich ein Dutzend kleiner Vögel mit schnellen Herzen wieder und wieder gegen die Hauswand, bis sie ermattet im Gras liegenblieben. Das ist eine Erinnerung: mein Bewußtsein hat sie zu meiner Unterhaltung erfunden. Jetzt aber drehe ich meinen Kopf auf dem Polster in Richtung der langsam sich öffnenden Zimmertür, und mein Hals knarrt wie eine verrostete Türangel, während die Muskeln meiner Oberschenkel im Rhythmus meines Herzschlags zucken. Sobald die Tür weit offen ist, werde ich ganz woanders sein und der Welt von ihr gelöste Heiterkeit vorspielen.

0216

Er gab sich alle kostbare Mühe, seinem Sohn beizubringen, die Schönheit der Welt abzulesen. Da und da und da, sagte er begeisternd. Wir sind alle alt, antwortete das Kind unerbittlich auf jeden Hinweis. Ein pulsierender Kopfschmerz überfiel den eifrigen Vater auf einem sanften Hügel im stillen Park, und er ließ die Hand seines Kindes fallen. Dem Sohn gefror glitzernd der Speichel auf dem Kinn. Da, sagte der Vater und wies schlaff auf das Kinn des Kindes. Jenem war eine lähmende Angst vor der bedingungslosen Müdigkeit des Erwachsenen in der Brust gewachsen, und es wollte nichts mehr dagegen einwenden. Da preßte der Vater die Zähne aufeinander beim stolzen Lächeln.

0215

Und dann verwechselte er seinen Atem mit dem Vibrieren seines Telephons: bei jedem Atemzug erschrak er bis ins Herz, weil er sich angerufen fühlte. Beim Entweichen eines Darmwindes ballte er die Fäuste zum Kampf. Um seine noch nie erlebte Ruhe wiederzugewinnen, zeugte er in allerhöchster Hast einen neuen Menschen mit seiner Mutter. Es entstand ein gewalttätiges Wesen, das ihm Haut und Fleisch von den Wangen kratzte und harte Gegenstände gezielt in seinen Schritt schoß, um ihn dafür zu belohnen, daß es in der Welt war. Seine Mutter war eine unaufmerksame und riesengroße Mutter. Es sollte sein Schaden nicht sein, aber war es.

0214

Das linke Auge ihres Mannes funkelte vor Aufmerksamkeit und Klugheit; das rechte brütete dumpf und eitel aus seiner Höhle heraus. Wenn sie in seinem Gesicht zu lesen versuchte, begann sie unweigerlich zu schielen. Aus diesem Gesicht drang nichts als ein schwächliches Flattern der Lippen bei jedem Ausatmen. Alles, was sie zu ihm sagte, erreichte sein Gehirn durch sein linkes Ohr als Lob und Wertschätzung, durch sein rechtes aber nur als Beleidigung und Unflat. Er war gedanklich und leibhaftig erstarrt in seiner Widersprüchlichkeit. Sie wischte ihm den Anus sauber und wechselte seine Windel. Dann schaute sie lange, lange aus dem Fenster und freute sich geheim darüber, daß die Wolken am Himmel festgeklebt waren.

0213

Zwei Halbe ergeben kein Ganzes, sagt die herzlich junge Frau zu dem Mann, der vor ihrer Wohnungstür steht mit einem Strauß roter Rosen in der verkrampften Hand, und schließt die Tür. Der Mann schleicht die Treppen hinab und kehrt zurück zu seiner Familie, wo er seinen Kummer ersäuft in dem lauwarmen Urin seines Sohnes aus dessen Töpfchen. Als ihn seine Gattin dabei ertappt, sagt sie mit weiß verschleierten Augen: Drei Halbe ergeben eine Pyramide des Ekels, du heimatlose Kröte. Über die Wangen des Mannes laufen nun goldgelbe Tränen und er schickt seinen Willen in die überdehnte Welt hinaus, wo er alles empfängt, was das Herz gebiert.

0212

Wenn er sie zum Lachen brachte, verzerrte sich ihr Gesicht zu einer Fratze maßlosen Entsetzens. Aus ihrem Mund rumpelte es da wie von rollenden Gesteinsbrocken, und ihre Augen quollen aus ihren Höhlen wie von innen herausgedrückt. An einem beliebigen Tag am frühesten Morgen hörte er das wilde Wirbeln von Wasser und gellende Hilfeschreie aus dem Badezimmer; nach einer Weile dann ein leises Gurgeln, Blubbern und vielfaches Tröpfeln. Ich bin jetzt zu alt, um dich zu retten, sagte er zur Badezimmertür, und das scharfe Jucken, das ihn seit seiner Geburt gequält hatte, verschwand aus seiner Haut ohne jede Fährte einer Erinnerung.

0211

An seinem dritten Geburtstag, erinnert er sich so deutlich, als wenn es heute gewesen wäre, unternahmen er und seine Eltern einen Ausflug zum Schloß Brauchen im Harter-Kern-Wald. Im Schloß aber schlug der Geist des Ortes seinen Vater in die Knie, worauf dieser mit einem übelkeitserzeugenden Krachen auf sein Gesicht fiel, unter dem sich sogleich ein Stern aus Blut ausbreitete. Die Mutter lachte laut künstlich. Glücklicherweise hatte der Sohn seinen Lebe-wieder-Spray dabei, mit dem er seinen Vater reichlich einsprühte. Dieser erhob sich knarrend, und sein Kind leuchtete vor Freude. Leider hatte sich das zersprungene Gesicht des Auferstandenen falsch wiederzusammengesetzt, sodaß er jetzt ein ganz anderer war und ohne einen Laut des Dankes auf und davon ging. Und jetzt, als alte Frau auf dem Sterbebett, kribbelt ihm die Verletzung des Verlassenwerdens in den dunkelblauen Füßen, und er ist Lichtjahre davon entfernt, sich selbst zu verzeihen.

0210

Dann stand er auf dem Gehsteig und wußte sich keine Richtung mehr zu gehen. Eine schmerzlich übergroße, hochschwangere Frau blieb vor ihm stehen und sang: „Laß mich dich zerschmettern zu Regenbogenmatsch mit der heilen Frucht meines köstlichen Kugelbauches.“ „Nein danke“, antwortete er, „ich bin bereits ein Gedrückter.“ „Aber du Mann“, sang das Weib, „bist es nicht wert, vom untragbaren Zauber der Welt erschüttert zu werden, also war es schon zu Urzeiten Zeit, daß du ausgelöscht wirst.“ „Danke“, sang er jetzt auch in heiserem Falsett, „aber ich werde niemals bereit werden für meine Tilgung von diesem süßsauer säuselnden Planeten.“ Dann bohrte er seinen Daumen in den Bauchnabel der Trächtigen, und sogleich schoß das Fruchtwasser klebrig über ihn. Der Körper der vormaligen Riesin schrumpelte zu einem schlaffen Sack aus Haut ein. Der Durchnäßte wühlte nach dem Kinde in den faltigen Wülsten, jedoch war da nichts und nichts zu finden. Also kleidete er sich in die Haut der gewesenen Frau, begann die Straßenränder abzuwandern und wackelte dabei verführerisch mit seinen schmalen Hüften.

0209

Aber mitten in der Unterrichtsstunde stand das Mädchen, das nur drei einwärts gekrümmte Klauen an jeder Hand hatte, auf und sagte gefühlslos: „Am liebsten mag ich Musik, die ich noch nie gehört habe“. Der Lehrerin fiel die Kreide zu Boden, und ein nur halb unterdrücktes Kichern breitete sich unter den anderen Kindern aus, die alle gleichzeitig bei dem Vorfall ihre Köpfe gesenkt hatten. Die Lehrerin atmete flach und schlich entmutigt aus dem Klassenzimmer. Die von ihrer allmächtigen Prüferin verlassene Kinderschar verstummte erschüttert. Das Mädchen stand und stand und lächelte mild über die Streusel aus Schuppen im Haar ihrer Banknachbarin. Als der Direktor der Schule in seinem Mantel aus gegeneinander klirrenden Rasierklingen den Raum betrat, begann es draußen zu regnen wie zum allerersten Mal.

0208

Aber die Spiegel in diesem Hotel zeigen nichts als die runzeligen Hinterbacken unwahrscheinlich alter Menschen. Die Wände sind tapeziert mit Photographien von Schatten von Leuten auf Gehsteigen, die mitten im Gehen erstarrt sind vor plötzlicher Orientierungslosigkeit. Es gibt siebzehn Ballsäle mit erschöpften Müttern als Betten, und jeweils ein winziges Loch, durch das man eine gehängte Babypuppe betrachten kann, die sanft in einer leichten Brise schwingt. Die Rezeptionisten sind Nachbildungen meiner Eltern aus Plastik, die fortwährend nicken und auf jede Frage einstimmig antworten: „Ich glaube, daß du irgendwo bist“. Während nackte Kleinkinder Schlaflieder stotternd durch das Gebäude wuseln, auf der Suche nach der Falltür in mein Bewußtsein.

0207

Aber dann regnete es keine Tropfen mehr, sondern Schnüre aus Stahl, in denen sich die Menschen und Fahrzeuge verhedderten und nirgendwohin gelangten. Jede Bewegung in dieser Zwangslage stellte sich allen als Herausforderung, der niemand gerecht wurde. Die Blutstropfen aus den durch die Fesselung aufgewetzten Häuten liefen an den Schnüren entlang, auf der schwerkräftigen Suche nach einem Grund, auf dem sie liegenbleiben und vertrocknen könnten. Das Stahlnetz spannte sich durch die ganze Stadt und funkelte lustig im Schein der Straßenbeleuchtung. Die Menschen zappelten schwach und immer schwächer; manche schliefen ein in der Hoffung auf ein freieres Erwachen. Doch der Wetterbericht hatte vierzehn Tage Regen prophezeit. Und auch die Sonne kroch auf ihren acht Strahlenbeinen langsam aber stetig auf die Eingesponnenen zu.

0206

Achter März Zweitausendundelf. Faschierte Hundezitzen zum Frühstück. Ein Leopard mit vier giftigen Hörnern auf dem Schädel gähnt in meinem zerwühlten Bett. Der Schimpanse mit der Menschenmaske zupft ein Lied, das ewig hält, auf meiner staubigen Gitarre. Wortlos auf den Boden zeigen. Zwei Stunden Phantasien des Herauszerrens der Eingeweide von Fußgängern. Mittagessen: verknäueltes Klebeband. Langwieriges Zögern bei der Wahl eines Nachmittags. Schließlich Nachmittag ausgeschaltet. Abendessen vergessen. Blutorangenlicht bei Sonnenuntergang. Gebären eines Fliegenschwarms durch die Speiseröhre. Das Wort „Mutter“ so oft laut dahersagen, bis ich es glaube. Betrachten einer Kindergruppe mit grimmigen Gesichtsausdrücken, die im Innenhof ihr aufgeschichtetes Spielzeug verbrennt. Im Spiegel überprüfen, ob ich in mich hineinlächle. Dem Sprung in der Fensterscheibe eine gute Nacht wünschen. Auf das aufgeschlagene Buch Wasser lassen. In die Nacht hineinrennen und an der Wohnungstür abprallen. Bewußtlosigkeit und Morgendämmerung.

0205

Da war einmal ein Tag, an dem die Entspannung meines Körpers so gründlich wuchs, daß mich die Angst beschlich, in der U-Bahn-Station zusammenzubrechen. Als ich immer weicher und irriger durch das Menschengeflecht torkelte, rempelte ich ein weißblondes Mädchen nieder, das auf seinem Rücken zu liegen kam. Die Sonne ist nackt, sagte das Kind, die Augen starr in die Deckenbeleuchtung gerichtet. Und glücklicherweise lief mir dann auch die Entspannung aus dem Leib, während ich dem Mädchen die Hand hinreichte, die hart war wie ein Gartenrechen.

0204

„Apfel“ steht auf der einen Seite der Tasse, „Katze“ auf der anderen; dazu die entsprechenden vereinfachten Abbildungen. Die Stimmung dieses Tages breitet sich über mein ganzes Leben aus. Eine Krähe ist als Spatz auf meinem Fensterbrett gelandet, und mein Ekel vor der immergleichen Liegestellung hat mich aus dem Bett gezirzt. Die Fehlschritte meiner Vergangenheit sickern als lauwarmer Teerfluß in die Zukunft. Keinen gewohnten Moment mehr zu erleben ist mein ehrlich gemeintes Vorhaben. Ich wünsche dir eine saftige Geldbuße, sage ich zu der Tasse. So ein Frieden wie hier hat noch nie stattgefunden, aber ich bin zu faul, um es zu wissen.

0203

Gleich, wie gewaltsam er sich zu erinnern versuchte: er hatte vergessen, ob sie das Treffen abgesagt hatte oder nicht. Er brachte nicht den Mut auf, sie zu fragen, denn sie hätte ihm Achtlosigkeit vorwerfen können. Er saß in seinem Zimmer und öffnete seinen Hosenschlitz: ein wirbelndes Universum aus Staubflöckchen stob daraus hervor und versickerte im Raum. Wenn er nicht bald einen Menschen zu Gesicht bekäme, würde er mitten im Kampf einschlafen. Aber sich im Stich zu lassen, war ihm eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen geworden. Er betrachtete das Pulsieren der Halsschlagader seines Spiegelbildes und dachte an einen Regen aus faustschweren Tropfen. Als sein Telephon läutete, dämpfte er das Geräusch mit seinem ganzen Körper zu einem dunklen Schnarren, das ihn am Bauch kitzelte. Sein Auflachen wurde draußen auf der Straße von Unbekannten nachgeäfft. Natürlich war er immer tadellos gekämmt, wenn niemand ihn sah.

0202

Laß uns falsche Freunde spielen, sagt der ältere Bruder zum jüngeren. Ich möchte hier noch meine Spiegelung im Teich betrachten, antwortet dieser. In dieser Stille kann ich ohne Weste gehen, denkt der Ältere und bricht sich also einen Weg durch das Unterholz. Einmal muß er den Drang unterdrücken, sein Glied in das Wurmgewimmel einer verwesenden Taube zu führen. Als er die Hängematte erreicht, hängt diese stumm in einem Sonnenfleck wie ein Sarg. Er müht sich hinein, um bald als herrlicher Schmetterling wieder zu erstehen. Es ist mir zu umständlich, dich zu töten, murmelt indessen sein Bruder im Teich.

0201

„Du“, sagte sie, „bist einer von denen, die umfallen, wenn man Worte an sie richtet.“ Er kippte brettsteif hintüber: sein Hinterkopf krachte gegen den Parkettboden, der scharf ächzte. Als der Lärm verklungen war, stöhnte der Gestürzte: „Aber das Tatsächliche ist mir zu laut. Dein Sprechen allerdings durchsiebt mich nicht mehr, denn ich habe beim allergrößten Preisausschreiben eine summende Fliege gewonnen, sodaß ich schon seit Wochen ein Lächeln plane.“ “ Jeder kann mit seinem Körper als Pfeil die Schammauer durchbrechen, doch die Angst stellt nur gebeugte Menschen her“, pfiff sie und stieß ihren linken Stilettabsatz in die Speiseröhre des Liegenden. Dem schurrte als Gedanke durch den Kopf: Gesellschaft!