Foto: Dina Lucia Weiss
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16-05 | Valentin Moritz

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16-02 | Markus Mittmansgruber

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0531

Nun denn. Wie alle Könige hatte der König einen Hofnarr, ihn. In den letzten Tagen war er jedoch immer weniger närrisch gewesen; am Ende, voll Ernst bat er, man möge ihn doch köpfen. Der König lachte wie nie, beschenkte ihn reichlich, in satter Freude, die Dinge waren wieder im Lot; dann schickte er ihn weg. In der darauffolgenden Nacht stahl er sich in die Waffenkammer, eine Streitaxt zu entwenden. Er zerschlug jede Schelle seiner Kappe einzeln, dann hieb er sich ins Bein und meldete sich krank.

0530

Cave canem. Hüte dich vor Frauen mit Hund. Wenn er jemals heiraten würde, dann müsste es eine Katzenfrau sein. Nicht unbedingt eine Hexe, aber eine Frau, die Katzen beherbergen konnte. Und die Katzen würden dann vielleicht Billy und Beppo heißen; seine hieß bereits Plumpy. Halbwilde Katzen, die den Gästen das mitgebrachte Fladenbrot im Rucksack anfressen, die den 24 Stück Sheba-Geschenkskarton in Herzform als Katzenklo gebrauchen und nur Kindern und ihnen gegenüber geschmeidig wären. Seine zukünftige Familie sollte eine von Katzen sein, keine von Hunden.

0529

Niemals hätte er einen portablen mp3-Player gekauft, gleich welcher Marke. Und schon

gar nicht, um damit in Bus, Straßen- oder U-Bahn Musik zu hören. Mitten im Kindergeschrei, zwischen Handytelefonaten, im Rattern der vollen U-Bahn bei offenem Fenster, war dafür jeder Blick auf jemand, der mit eingesteckten Ohrhörern dastand, als würde er in einen vollkommen schallfreien, schallisolierten Raum schauen. Der Blick auf die schwarzen oder weißen Ohrstöpsel mitten im Getümmel war, als könnte er absolute Stille sehen. Und dieser instabile Freiraum gestattete es, dass sich in ihm etwas wie Musik entfaltete. Zwischen Stadtpark und Pilgramgasse hatte er ein ganzes Placebo-Konzert gesehen, die vier Jahreszeiten von Vivaldi waren von Stephansplatz bis Taubstummengasse vollständig

vor ihm gestanden, auch der gealterte Johnny Cash tauchte bisweilen in der Gegend

der Burggasse auf. Vielleicht war es aber auch nur optische Täuschung.

0528

In Bewegung bleiben war wichtig. Ausreichend Geld verdienen war wichtig. Sich selbst

treu bleiben war wichtig. Eine Haushaltsversicherung war wichtig. Liebe war wichtig. Sonnencreme war wichtig. Guter Sex war wichtig. Reißfestes Klopapier war wichtig. Ein Smartphone war wichtig. Kinderkriegen war wichtig. Gutes Essen war wichtig. Mut war wichtig. Schöne Haare waren wichtig. Flexibilität war wichtig. Eine große Wohnung war wichtig. Zähneputzen war wichtig. Nachhaltigkeit war wichtig. Spaß haben war wichtig.

Kritisch sein war wichtig.  -- Irgendwie wirbelte ein verkehrter Teufelskreis alles nach

oben und machte es wichtig. Wie wichtig, verflucht aber, war es, dass alles wichtig war?

0527

Eine der friedliebendsten Kühe in seinem Heimatdorf, Yvonne, war mit den Fliegen auf der Weide beinahe eine Symbiose eingegangen. Eines Tages verkehrte sich die Beinahliebe jedoch in Haß und anstatt die Geflügelten mit Schweifwedeln zu begrüßen, begann sie,

sie zu verfolgen. Von anderen Kuhhintern fraß sie die Fliegen herunter; versuchte, sie mit

den Hörnern aufzuspießen, überall, auf dem Boden, in den Fladen; warf sich mit der Flanke gegen Bäume und andere Kühe, wenn sie dort Fliegen vermutete; letztlich glaubte sie offenbar, dass ihre Stirn von tausenden Fliegen bevölkert war und rannte so lange mit dem Schädel gegen einen alten Birnbaum, bis sie -- alle Viere von sich gestreckt -- reglos liegen blieb. In derselben Sekunde wurde sie tatsächlich von Millionen Fliegen überfallen.

0526

Sommerabendtod. Völlig immun gegen Romantik war niemand. 'Die Nacht bringt niemand

um. Es ist der Abend, der täglich Suizid begeht; er springt vom Horizont ins All, ins Nichts, irgendwohin; hellblaue Fetzen in Orange reißt er mit sich, wirbelt davon und warmes

Schwarz beherrscht die Welt.' -- Wenn, dann würde er einen Sommerabendtod sterben,

sich irgendwohin stürzen. Schlaganfall und Herzinfarkt interessierten ihn nicht; das war

etwas für Schweinebratenesser.

0525

Manchmal musste er während des Gehens plötzlich schnell laufen, in die Luft springen und dann, vielleicht in einem Park, einen Baum umarmen. Warum, wusste er auch nicht, aber danach war es, als hätte die Rinde auch ihn gestreichelt.

0524

Man muss noch Sinn für die Tragödie haben! Es war das Ausweglose, das ihn anzog bei Tragödien. Der Lauf war vorgezeichnet, es gab kein Entrinnen. Andererseits war ihm bei den großen Tragödien, in denen das gesamte Personal dran glauben musste, doch stets etwas mulmig zumute und eigentlich bevorzugte er die kleinen Tragödien; gewissermaßen die reparablen. Dass eine reparable Tragödie genau genommen ein Oxymoron war, war ihm Ausweglosigkeit genug.

0523

An seinem zweiunddreißigsten Geburtstag hatte er sich ins Substitutionsprogramm für Religionsabhängige aufnehmen lassen. Zuvor hatte er noch drei zähe Monate lang versucht die Evolutionstheorie, Populationsgenetik, Astro- und Quantenphysik, Epidemiologie und Biochemie zu verstehen, dann war es ihm zu bunt geworden. Das musste auch einfacher gehen. Im Substitutionsprogramm gab es unter anderem Geomantie, Wünschelrutengehen, Homöopathie, Pendeln, Antlitz-Analyse; und jedes Mal, wenn er nach ein paar Tagen die zweieinhalb Grundprinzipien des jeweiligen Systems glaubte verstanden zu haben, folgte auf die Begeisterung durch das Verstehen auf den Fuß die innere Bestätigung, dass das alles gar nicht anders als wahr sein konnte! Im Ernst, wie hätte er es denn sonst verstehen können?

0522

Mit Anfängen konnte er nichts anfangen. Ihm war es lieber, wenn etwas zu Ende ging. Abrissparties zogen ihn an, Einweihungsfeste konnten ihm gestohlen bleiben. In Konzerte kam er aus Prinzip zu spät und bei Romanen übersprang er in der Regel das erste Drittel. Und auch wenn er großes Mitleid mit allen Beteiligten empfand, so waren für ihn Scheidungen entspannender als Hochzeiten. Dass etwas gerade anfing bedeutete im Wesentlichen nur, dass der mühsame Teil noch bevorstand. Am allerliebsten wäre er direkt nach der Matura in Pension gegangen.

0521

In einer Semmel mit warmem Leberkäse war die Tötung eines Tiers nur noch relativ abstrakt enthalten. Ein Grad von Abstraktion, der ihn nicht mehr berührte. Im Übrigen liebte er Tiere, z.B. die Eichhörnchen im Stadtpark. Vor einer Woche huschte ein solches Eichhörnchen, als er am Zebrastreifen wartend in seine mittägliche Leberkäsesemmel biss, direkt vor ihm über die Straße. Ein Autoreifen quetschte die Eingeweide genau in dem Moment aus dem Eichhörnchen heraus auf den Asphalt und es war ihm, als würde er in die warmen Innereien des kleinen Tieres beißen. Den Geschmack des überfahrenen Eichhörnchens brachte er von da an nicht mehr aus dem Mund, so sehr er auch Zähne und Zunge abschrubbte und mit schärfsten Mundwässern spülte. Vegetarier werden wollte er trotzdem nicht.

0520

Eines Tages zerstörte er, ohne es zu wollen, jedes Ding, das er in die Hand nahm. Die

Gläser zerbrachen bei bloßer Berührung; der Staubsauger drehte einmal hoch und blieb dann still; der Laptop zeigte, egal nach welcher Maßnahme, nur noch einen schwarzen Bildschirm; der Lattenrost brach unter ihm ein; die Glühbirnen und Energiesparlampen blitzten, gewissermaßen solidarisch, beim Einschalten kurz auf, blieben dann finster;

die Bleistifte brachen beim Schreiben wie beim Spitzen und die Waschmaschine überschwemmte in ihrem finalen Waschgang noch die halbe Wohnung. Ob er an

diesem Tag schlicht ein schlechtes Händchen hatte oder ein koordinierter Massensuizid seiner Gebrauchsgegenstände vorlag, konnte er nicht entscheiden, da auch sein Gehirn

den Geist aufgab. Pech lehnte er als Erklärung jedenfalls ab.

0519

Im Sommer, wenn auf den Gitterstäben seines elektrischen Fliegenrösters mit UV-Lampe

oben drin eine Motte, ein kleiner Falter saß, blies er stets ganz sanft auf das Insekt hin,

sodass es aufflog, hinauf ins Licht flatterte, und in ein paar kurzen Blitzstößen an den Elektroden verschmorte. So stellte er sich den Hauch Gottes vor.

0518

Krankenhaus. Partielle Amnesie. Nahtoderfahrung. Irgendjemand hatte ihn ins eisigkalte Wasser eines Gebirgssees gestoßen, das wusste er noch. Mit eisernen Spangen um

den Brustkorb hatte das kälteste Nass ihn bewusstlos gedrückt im Untertauchen, luftabschneidend. Vor seinem inneren Auge war sein Leben wie eine schlechte Powerpoint-Präsentation abgelaufen. Zu grelle Farben, abgedroschene Schriften, billige Animationen,

nur oberflächliche Statements, und alle Stationen vom Kind bis zum Jetzt so schnell weitergezappt, dass er niemals hinterherkam, immer schon mit dem nächsten überfrachtet wurde, ohne das gegenwärtige aufgenommen, geschweige denn verstanden zu haben, stets hinterherhechelte bis zur totalen Erschöpfung und am Ende so schlau war wie am Anfang; dafür tot. -- Danke für die Aufmerksamkeit.

0517

Sieben Jahre hatte sie darauf gewartet. Im Urlaub, auf einem Felsen über dem Hochgebirgssee, auf 2200m, an sie geschmiegt, den aufgehenden Mond hinter entfernten 3000er Gipfeln, war es ihm offenbar doch klargeworden. SIE. Dass er ihr etwas sagen müsse, dringend, erklärte er; er wisse nun mit Sicherheit, dass Evelyn den Seitensprung eigentlich nicht wert gewesen war, auch nicht Lea, schon gar nicht Anna, die IHR niemals das Wasser reichen könne, auch nicht Alice und auch die Affäre mit Doris war nicht annähernd so gut gewesen wie alles mit IHR, nicht einmal das mit Barbara, das wirklich nicht schlecht war -- das habe er nun endlich verstanden und es ihr einfach einmal sagen müssen. Und das wichtigste: Ob sie ihn heiraten wolle! Nächstes Jahr irgendwann im Juni! -- Schade, meinte sie, da wäre leider schon die Geburtstagsparty einer Freundin.

0516

Oft hatte er geglaubt, sogar körperlich die Häme der vermeintlichen Realisten spüren zu können, weil er auch Träumen hinterherlief, statt sich -- wie sie -- mit dem Faktischen, Alltäglichen zufriedenzugeben, zu arrangieren. Glücklicherweise wusste er jedoch, dass die selbsterklärten Abgeklärten zumeist schlicht nicht die Kondition hatten, einen Traum übere längere Strecken zu verfolgen. Und gerade deshalb ließ er seine Träume stets extrahoch fliegen, um sicher zu gehen, dass sie unerreichbar waren. Erstens, weil sie als erreichte selbst ins Faktische hineinentzaubert würden, zweitens war beim Nichterreichen kaum Kompensationsscham nötig und drittens hätte es sonst auch keinen Trainingseffekt. Einen Marathon in dieser Disziplin wollte er vor seinem Abgang auf jeden Fall durchstehen. Den Wunsch, nicht auch den Träumen zweiter Stufe endlos nachlaufen zu müssen, sondern zumindest diesen einen zu erreichen, konnte er mit seinem Gewissen gerade noch vereinbaren.

0515

Sein Körper war ein charakterloser Geselle. Es reichte. Er war bereit sich von ihm zu trennen. Fünfzehneinhalb Jahre, alles zusammengerechnet, hatte er mindestens in permanentem Streit mit seinem Körper verbracht. Ob Pollenallergie, exzessive Schlaflosigkeit, 8 Wochen lang Windpocken mit 27, Nausea durch Rückgratverkrümmung, Ausschlag bis hinter die Ohren, Migräneanfälle, Sehnenzerrungen und -entzündungen im Umkreis aller Gelenke,

nicht zu sprechen von den Nachwirkungen von drei Tropfen Bier -- es war, als wollte ihm

sein Körper allzeit beweisen, dass er ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Diese Dauermachtprobe konnte er nicht mehr auf sich sitzen lassen. Er würde sich geistig von

ihm emanzipieren, mental, und zur Revanche: ohne Gehirn.

0514

Im Innenpolitikteil der Zeitung las er immer automatisch und ohne es zu wollen 'Trip in den Hintern' statt 'Tritt in den Hintern'. So sehr hatte sich sein kognitiver Apparat bereits mit dem parteipolitischen Apparat abgefunden.

0513

Daheim ist dort, wo man am liebsten seine Krisen pflegt. Wo Daheim ist, wechselt manchmal. Schon jetzt überlegte er, welches Daheim er für die zwischen zweitem, drittem Frühling, Karrieredesillusionierung und fünfter Lebenspartnerschaft angesiedelte Krise vorbereiten sollte. Schreibtisch, Fitness-Center, Heimatdorf, eine Harley, vielleicht eine Dachbalkonwohnung, die Laufschuhe oder doch ein stilechtes Whiskeyglas? An dermaßen vielen Orten konnte man daheim sein, dass es, sogar wenn es einem gut ging, Knochenarbeit war, sinnvoll die kommenden Krisen zu planen.

0512

Der Fluch der Spätgeborenen. Wie gern wäre er einmal im Mai nach Indien geflogen und hätte Mutter Teresa zum Muttertag gratuliert, ihr einen schönen Strauß Blumen gekauft und

sie ins beste Restaurant von Kalkutta ausgeführt; ohne ihre Seelenheilsgarde von Bettlern und Leprakranken. Einmal im Jahr hätte auch Mutter Teresa da durch müssen sollen.

0511

Er hatte sie ja, die Idealvorstellungen, prinzipiell; von der gerechtesten Gesellschaft, dem schönsten Urlaub, dem perfekten Partner, dem erfrischendsten Joghurt, den gepflegtesten Zehennägeln, der blähbauchvermeidendsten Ernährung, der nichtkommerziellsten Firma, dem nachhaltigsten One-Night-Stand, den straffsten Tränensäcken, dem heiligsten

Rausch --. Irgendwann merkte er jedoch, dass die Sprache die Superlative nur leihweise zur Verfügung stellt, ohne Garantie irgendetwas Entsprechendes in der Welt zu finden. Seit dem war er auf die Sprache und den Superlativ gleichermaßen schlecht zu sprechen, ganz zu schweigen vom allesumspannenden 'optimal'. Endgültig zermürbte ihn jedoch, dass er auf dieses Ärgernis -- aus nunmehriger Prinzipientreue -- nicht in optimaler Weise reagieren durfte.

0510

Eigentlich wäre sein Plan heute gewesen, auf einen (großen) Apfelbaum zu steigen und verrückt zu werden. Eventuell ohne wieder herunterzukommen. In der Stadt Wien existieren jedoch keine öffentlichen Apfelbäume, noch weniger große; und irgendwo fremd, auf dem Land verrückt zu werden, war ihm zu unpersönlich. So beschloss er, mitten in seinem Wohnzimmer einen Apfelbaum zu pflanzen. In der hohen Altbauwohnung sollte das kein Problem sein und ein paar Jahre konnte er schon noch warten.

0509

Über viele Jahre hinweg hatte er sich gefreut, wenn er weinende Menschen sah. Gleich ob auf der Straße, im Zug, auf dem Friedhof oder am Flughafen. Weinen war die intimste und kostbarste Gefühlsregung und er hatte es stets als Privileg empfunden, gewissermaßen dabei sein zu dürfen. Spätestens die gehäufte Kriegsberichterstattung im Fernsehen sowie diejenige von Terroranschlägen hatte ihm jedoch das Weinen verleidet. Öffentlich wie privat. Spürte er selbst, dass es so weit war, legte er sich flach auf den Rücken und schloss die Augen, damit die Tränen zurück- und auf der Innenseite des Gesichts abliefen.

0508

Ob es Worte oder Wörter waren, die er sagte, hörte, aufschrieb, ausschrie, war ihm

eigentlich egal.
Was er nichtsdestotrotz führte, war eine Rubrik der schönen Worte.

Heute fanden sich in ihr:

Trinkgeschwindigkeitsemanzipation, Lebenslaufinferiorisierung, Zufallspaarung.

0507

Täglich gab er morgens am Weg ins Büro seinem, gewissermaßen, persönlichen Bettler die kleine Ration fürs gute Gewissen. Einen Euro, zwei Euro, ein angerissenes Päckchen Zigaretten; Orangen hatte er verweigert im Winter, trotz Grippewelle. Dafür rauchte er, die nackten Beinstümpfe ausgestreckt, die an der Kuppe vorn weißlich verhornt waren, fuchtelte stumm mit den Armen, streckte die Hand aus. Eines Morgens war er nicht da, an seiner Stelle ein etwas jüngerer im Schneidersitz, eine Hand bittend ausgestreckt, die andere in einer Packung Chips und zwischen krachenden Kaugeräuschen schob er seinen 'Biiitte, biiitte!'-Singsang ein. Im Vorbeigehen hielt er seine Kleingeldbörse in der Hosentasche fest umklammert. Rauchen, ja. Aber Chips? -- Das war wirklich zu dekadent.

0506

Brot ist ein Lifestyleprodukt; Menschen streicheln mit den Fingerspitzen Smartphones neben weinenden Kindern; wie sich die Luft draußen vor dem Fenster anfühlt, weiß man aus dem Internet; die Jahreszeiten haben sich auf 'Winter', 'Sommer' und 'Gatsch dazwischen' reduziert; der § 278a StGB wird immer noch nicht auf VP, SP und FP angewendet; 'Wetten, dass..?' wird immer noch künstlich beatmet; eine Milchpreiserhöhung von 9 Cent erzeugt mehr Aufregung als die Nachricht, dass ein Sonderkommando mit Sturmgewehren im Anschlag um sechs Uhr früh ein Kinderzimmer stürmt und Volksschulkinder in Schubhaft nimmt; es existieren tatsächlich Orte mit Namen wie 'Unterstinkenbrunn' und 'Hühnergeschrei' -- warum die Leute Kafka als surreal bezeichneten, wusste er nicht.

0505

Entsprechende Kleidung war im Grunde nichts anderes als eine etwas weicher gewordene Rüstung. Ein schützender Panzer, den der Banker in Form von Hugo Boss ebensowenig entbehren kann, wie der Punk unter Punks den Nietengürtel oder der Oberarzt den weißen Kittel. Es ging ihm auf den Senkel. Sogar im Sarg, wenn man tot war, hatte man es offenbar noch nötig und lag da im besten Anzug, im vorher ausgesuchten Kleid, souverän am Ende. Nackt, vollkommen nackt sollte sein Körper dereinst in der Zypressenkiste liegen, wenn er durch das finstere Loch namens Tod gekrochen war. Maximal einen Socken über -- nein. Keine Socken, nirgends.

0504

'Samsung PS60E530 Full HD' hatte er in der Tiefgarage des Großkaufhauses noch einmal auf der  Verpackung gelesen, bevor zwei sehr höfliche Unbekannte beim vermeintlichen Einladenhelfen binnen Sekunden die Schachtel samt Inhalt entwendet hatten. Fünf Stockwerke höher, in der Elektronikabteilung, war vor einer halben Stunde seine letzte Liebe, der Dobermann Loretta, mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen, Reanimation erfolglos; die Verkäufer hatten ihm eine leere Schachtel gegeben, für den toten Hund. Mit der Möglichkeit des letzten Abschieds, der Einäscherung von Loretta, fuhren nun die beiden Unbekannten aus der Tiefgarage hinaus, mit quietschenden Reifen und den Ellbogen aus dem Fenster.

0503

Paris ist auch kein Wert an sich.

0502

Manchmal vermisste er die Fähigkeit zu großen Emotionen. Gern hätte er Bussarde um das Fliegenkönnen beneidet, Sehnsucht nach der großen Liebe in Paris gehabt oder echten Haß auf pädophile Priester empfunden; er konnte nicht. Nur das Spüren dieser Unmöglichkeit schnitt ihm zuweilen übers Herz wie die Kante eines frischen Blatts Kopierpapier (80 g/m²). Wann genau es war, dass er sein Herz nicht an einen Fußballverein oder eine Frau, sondern an den Nagel gehängt hatte, wusste er nicht mehr. Seit dem war er jedenfalls bei den Gefühlen dritter und vierter Stufe daheim.

0501

Schon seit früher Jugend konnte er nicht entscheiden, ob ein aufgestellter Maibaum oder ein Aufmarsch die bessere Legitimation für einen Nachmittagsrausch war. Die Gesichter waren nach dem fünften halben Liter gleichermaßen rot, die Biergartenbräune im Nacken färbte gegen Abend da wie dort auf die Meinung zu Ausländern ab und überhaupt war nicht ganz klar, warum es gerade am ersten Mai so wichtig war, sich schon bei Tageslicht zu betrinken. Aber welche Alternativen hat man, wenn der Feiertag mitten in die Woche fällt.