Foto: Dina Lucia Weiss
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Zwischen Schaumstoff II

Das Haus war klein und grün und hatte eine große Eingangstür aus hellem Holz. Die Sache mit Türen ist die, dass sie meistens so aussehen als passierte hinter ihnen nichts, dabei beherbergen sie ganze Leben. Menschen, Familien, Dinge, die geschahen, waren in diesen Universen drin und von draußen nicht einsehbar. Und egal, wer vor der Tür stand, oder warum, alle waren Eindringlinge, die hineinwollten in diese Welt. Ich wollte gar nicht hinein, ich wollte nur einen Blick reinwerfen. Aber für ein ‚Hinein‘ musste die Tür dennoch geöffnet werden, nicht wahr.
Wie lange wir schon hier waren, wusste ich nicht genau, aber das war nicht wichtig. Wir schwiegen. Ich traute mich nicht über die Straße zu gehen. Wir standen da und taten nichts. Genauer, ich stand da und Daisy und Charlie leisteten mir Gesellschaft.
Irgendwann fing es an zu nieseln und wir taten immer noch nichts. Charlie spannte den kaputten Regenschirm auf und hielt ihn über unsere Köpfe. Daisys Hand lag sicher in meiner. Es nieselte weiter und ich nahm  meinen Schal und wickelte ihn ungelenk um ihren Kopf. Mit der freien Hand schlug Charlie den Kragen seines Jacketts auf und schob seine Mütze tiefer über die Augen. Und so  blieben wir eine Weile.
Ich stellte mir vor, wie das wohl aussehen musste. Ein Mann im Rollstuhl und zwei Mädchen, die vor einem Haus standen. Alt, groß, klein mit Turban auf dem Kopf. Nassgeregnet. Und ich dachte, ja, was dachte ich eigentlich?
Ich dachte, hier lebt er also. Der Mann mit unserem Nachnamen. Ich musste nur über die Straße gehen, die Hand ausstrecken und auf die Klingel drücken.

Daisy war still. Sie stand neben mir, aber sie stand mir bei. Sie stand neben mir, hielt meine Hand und ließ sich für mich anregnen. Ich fragte mich, warum das für mich schwerer war als für sie. Ich versuchte mir einzureden, dass alles gut werden würde, dass es nicht schlimm war, nach all den Jahren plötzlich zu erfahren, dass ich einen Bruder hatte. Einen Bruder, der mich als Baby in den Armen gehalten hatte. Ich wollte nicht in einer Welt leben, in der man Geschwister entdeckte wie alte Süßigkeiten in Couchritzen oder Kleingeld in der Hosentasche. Ich war zu zweit, immer zu zweit mit Daisy, niemals zu dritt. Und dann begann ich, „deppert, blöd, deppert“ vor mich hin zu murmeln, immer und immer wieder, bis sich der Klang von der Bedeutung löste und ich nur noch komische Silben flüsterte. Es half nichts. Ich hatte Angst.
Daisy räusperte sich und rückte den Schal auf ihrem Kopf zurecht. Ich blickte zu ihr hinunter. „Freust du dich?“ fragte ich.
„Weiß nicht, glaub schon.“
Ich bemühte mich zu lächeln. „Es wird gut werden.“
Sie schaute skeptisch.
„Vielleicht findest du ihn nett“, sagte ich.
„Wie soll ich ihn nett finden?“
Dazu fiel mir nichts ein.

Charlie hielt den Schirm weiter über unsere Köpfe. Ich hätte gerne gesagt, dass kein Regen mehr auf uns fiel, aber vier Speichen waren kaputt und eine Seite hing traurig nach unten.
„Alles wird gut“, sagte er.
„Woher weißt du das?“
Und Daisy, diese neunmalkluge Alleswisserin, sagte: „Weil wir jung sind und nicht allein und das sind die besten zwei Dinge auf der ganzen Welt.“
Charlie lachte. „Das ist wahr.“
Er schaute Daisy einen langen Augenblick an, ganz ernst war er dabei. „Wir sind hier zu dritt. Und das ist ein ausgezeichneter Anfang“,  sagte er und  zog die Augenbrauen hoch. „Ja?“
Und Daisy und ich nickten. „Ja.“
Es hörte auf zu regnen und wir schwiegen wieder. Charlie wechselte manchmal den Arm mit dem er den Regenschirm hielt und ich fühlte mich nicht mehr so schwer.

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