Foto: Dina Lucia Weiss
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Fürchte dich vor fremden Frauen I

Bevor die Sache mit den Eltern war, war ich einmal verliebt. Kurz, aber dafür richtig.
Dem Tageshoroskop zufolge war ein guter Tag, um Fenster zu waschen und Haare zu schneiden, vom Lebensmitteleinkauf wurde eher abgeraten. Lydia war vor zwei Tagen im Haus nebenan eingezogen. Sie kam aus dem Osten. Ich hatte wenig Vorstellungen vom Osten, aber ich dachte, dass es wahrscheinlich ganz nett war. So überlegte ich weiter, dass Lydia sicher klug sei (weil sie wenig redete) und auch gut kochen konnte. Laura sagte, der Kommunismus sei an allem schuld. Ich verstand es nicht ganz, nickte aber zur Sicherheit.

Also verliebte ich mich in Lydia. Der Himmel war grau, ich war blau, nur sie war warm und leuchtend. Sie kam näher, schritt aus der Menge auf mich zu und rief: „Daniel!“
Sie wusste, wer ich war! Es war einer dieser Momente, die das Leben verändern. „Daniel“, rief sie erneut. Sie wusste meinen Namen. Alles war gut. Tatsächlich halluzinierte ich nur. Lydia kam nicht und nichts war gut.

Dann begann ich zu schreiben. Nicht weil ich es konnte, oder weil es mir ein besonderes Bedürfnis war, sondern weil ich mich selbst dabei mochte. Ich mochte den Mann, der ich war, wenn ich schrieb. Ich fand mich einfühlsam, unabhängig und trotzdem maskulin. Leider hatte ich nicht viel zu sagen, schon gar nicht zu schreiben. Ich quälte Laura mit Abhandlungen über Lydias Schönheit, die überwiegend aus Adjektiven wie ‘besonders’ und ‘außergewöhnlich’ bestanden.
Nach zwei Wochen des Leidens entschloss ich mich zu einem gewagten Schritt: Ich wollte Lydia meine Liebe gestehen. Ich bestellte sie in den naheliegenden Wald und um meine Gefühle zu verdeutlichen, band ich mir einen Strick um den Hals und setzte mich auf einen mittelhohen Ast. Ich war wild entschlossen, mich bei dramatischem Ausgang sofort zu erhängen.
Als Lydia kam, blieb sie vor dem Baum stehen, legte den Kopf in den Nacken und schaute mich an.
„Was wird das hier wenn es fertig ist“, fragte sie kaugummikauend.
„Ich liebe dich und wenn du mich nicht liebst, dann bringe ich mich um“, schrie ich zu ihr runter.
„Spinnst du, ich kenn dich doch gar nicht so gut.“
„Aber ich liebe dich“, heulte ich.
„Ich geh jetzt nach Hause, mir ist kalt.“
Ich sah mich dazu genötigt, ihr den Ernst der Lage zu verdeutlichen. „Ich bringe mich wirklich um“, schrie ich noch mal und rüttelte an meinem Ast.
„Ach“, antwortete Lydia und ging.
Ich schluckte und sprang.

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