Foto: Dina Lucia Weiss
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Ich dachte immer, das Leben sei dramatisch. Oder, es würde dramatisch werden. Das hatte ich von Mutter. Sie suchte immer nach Reibung und Abenteuer. Wir Kinder waren eine Enttäuschung in der Hinsicht, insgesamt hielten wir unsere Goschen und stellten nichts an. Ich zumindest wusste am Anfang auch gar nicht wie. Selbst mit 17 nannten wir sie noch Mama und unterschrieben unsere SMS mit Bussi. Aber auch Vater war zu brav. Er ging arbeiten und kam pünktlich heim, versoff nicht das Geld und prügelte auch niemanden durch die Gegend. Er küsste sie auf den Mund, nie nur auf die Wange. Seine Körperhygiene ließ nicht mit den Jahren nach und die Leibesfülle nahm lediglich die akzeptable Prozentzahl dem Alter entsprechend zu. Als er seinen 50. Geburtstag feierte, beschloss er abzunehmen und nahm auch zwei Löcher am Gürtel ab. Er machte dabei alles selbst, legte beim Einkaufen Äpfel und Ananas in den Einkaufswagen und zu Hause verzichtete er jedes zweite Mal auf den Nachtisch. Seine dreckige Wäsche ließ er nie rumliegen und er schimpfte uns Kinder aus, wenn wir es mal taten, "Ihr lasst Mutter eure stinkenden Socken angreifen, geniert ihr euch nicht".
Mutter aber war nicht glücklich. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Selbst als sie sich trennten, gab es kein Drama, keinen Streit. Vater sagte: Nimm du die Wohnung. Sie hätte wahnsinnig gerne gesagt: Fick dich! Fick dich und deine scheiß Wohnung! Aber sie wusste auch nicht genau wie Streiten und Schreien ging, sie hatte nur ein unbestimmtes Gefühl, dass ihr harte Wortgefechte und vor Wut klirrende Anschuldigungen abgingen.
Also sagte sie: Okay.
Und Vater sagte auch: Okay.
Und das war die Geschichte ihrer Trennung.
Wir Kinder blieben zuerst bei ihr und sie hoffte weiter auf ein Drama, hoffte, dass die Trennung etwas mit ihr machte, mit uns machte. Irgendwas. Aber weder wurde Laura schwanger, noch begann ich eine Drogenkarriere. Niemand hörte Death Metal. Laura hatte manchmal Magenschmerzen und ließ das Abendessen aus, aber sie entwickelte keine Essstörung. Das Ganze war eine einzige, große Enttäuschung für Mutter. Die Langweile brachte sie beinahe um. Es wurde schlimmer, als Laura und ich auszogen.
In einem letzten Versuch um mehr Drama ließ sie sich von Vater scheiden, viele Jahre nach der Trennung. Es war ein letztes Aufbegehren. Gegen wen wusste ich nicht. Deutlich weniger Jahre darauf starb sie. Ich stelle mir gern vor, dass es ihr finaler Akt war, ihr dramatischer Abgang. Vielleicht war sie am Ende glücklich. Wir alle waren unglücklich, aber das passte zu ihr. Sie war erst zufrieden, wenn niemand anderer es war. So war Mutter.
Gewesen.
So war Mutter gewesen.

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