Foto: Dina Lucia Weiss
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1013

Der Mann im Wald IV
 
Als die Messe vorbei war stand niemand auf und keine Sargträger kamen. 
Ich sah zum Mann.
„Sie wird verbrannt.“
Ich sah ihn weiter an.
„Sie wollte es so.“
Die weiten, ebenen Flächen in seinem Gesicht. Den großen Mund, der zu einem dünnen Strich zusammengepresst war. Der Mund, der vorhin gesagt hatte: Erinnerst du dich?
"Und jetzt", fragte ich. 
Ich weiß nicht woher er gekommen war, aber zu seinen Füßen lag ein Trauerkranz und ein kleiner Strauß Blumen, ihre Farbe kam mir nicht bekannt vor. Ich hob den Kranz hoch, stand auf und ging die wenigen Schritte zum Sarg. Ich starrte das Tannengrün in meiner Hand an, eine Zierschleife gab es auch, aber ich konnte sie nicht lesen. Und plötzlich überkam mich ein Gefühl der Hilflosigkeit, wie ich es noch nie in meinem Leben gespürt hatte, selbst als ich unter dem Baum zu Stein wurde. Als ich mich auf den Boden warf, weil ich keine Kraft hatte mehr. Als sie gestorben war. Als diese Person in ihrem Zimmer stand und weinte, bitterlich weinte und dann schrie: „Bitte Papa, wach auf, ich kann das nicht ohne dich machen“ und plötzlich erinnerte ich mich daran, an dieses eine Wort und auch daran was es bedeutete. Ich erinnerte mich und alles kam zurück mit einer Kraft, dass es mir kurz den Aten nahm. Papa, wach auf. 
 Ich starrte den Kranz in meiner Hand an und den Sarg vor mir, dieses fade, nussbraune Holz und die vielen Blumen drumherum und die Mutter Gottes mit dem Jesuskind darüber. Ich starrte alles an und ich fühlte mich furchtbar, einfach furchtbar, denn ich wusste nicht, was auf dieser verdammten Schleife stand. Ich blieb stehen und betrachtete die Buchstaben, aber sie sagten mir nichts. Ich glaube, ich sah Buchstaben die vielleicht meinen Namen bedeuteten und andere Buchstaben die etwas mit dem Mann zu tun hatten, in fein säuberlicher Zierschrift. Ich roch das Harz der Nadeln, sie waren sicher frisch von einem Baum, höchstens gestern gepflückt oder überhaupt erst heute Morgen. Ich roch den Wald in meiner Hand, in dem ich mich manchmal verlor, so ganz anders als ich ihn in Erinnerung hatte.  
Ein Gedanke drängte sich in mein Gehirn. Da lag sie. Sie. Und alles was ich noch von ihr hatte, war diese Schleife, auf der sie und ich und dieser Mann zusammen standen. Und ich verstand nicht einmal, was es bedeutete.
Ich drehte mich um und sah zu ihm rüber. Sein Kopf war gerade und sein Blick unerbittlich, aber die Augen ein Meer an einsamer Weite. Und ich weiß nicht warum, aber ich fing an zu weinen. Eine Sekunde war ich stark und fühlte nichts und plötzlich fühlte ich alles. Ich ließ den Kranz zu Boden fallen und legte das Gesicht in meine Hände und weinte, so wie ich noch nie in meinem Leben geweint hatte. 
Mit drei Schritten war er bei mir. Er umarmte mich. Er drückte mich und hielt mich. Strich mir über den Hinterkopf, wie er es schon damals gemacht hatte, unter dem Baum. Mein ganzer Körper wurde vom Weinen durchgeschüttelt, es hallte die Kirchenwände hoch. Ich hörte Schritte und das Rascheln von Blumen und mein Keuchen hörte ich auch. An meinem Ohr hörte ich seine Stimme, wie sie meinen Namen murmelte. Ich dachte nur an die weiße Schleife um den grünen Kranz und unsere drei Namen darauf. Ich dachte, warum verstehe ich ihre Sprache nicht und wieder, warum verstehe ich ihre Sprache nicht, wie soll ich mich von ihr verabschieden. Er wog mich hin und her, klopfte mir auf den Rücken und ich fühlte mich in seinen Armen klein und hilflos und geliebt zugleich, wie wenn ich neben ihr im Bett lag und sie mir Geschichten vorlas. 
Irgendwie beruhigte ich mich. Seine Stimme flüsterte meinen Namen, immer wieder, packte jeden Laut in Zuckerwatte. Ich hörte auf zu weinen. Er schaute ernst, so ernst. Dann hob ich den Kranz auf und er nahm mich an der Hand. Die letzten Schritte gingen wir gemeinsam. Überall lagen jetzt Blumen und andere Kränze, links und rechts weiße Blüten und grüne Zweige. 
Unseren Abschied legten wir auf den Sarg.
Ich wischte mir die letzten Tränen weg und starrte auf die Schleife. 
„Kannst du es lesen?“, fragte der Mann.
Und obwohl das Leben ein Supermarkt ist und nirgends meine Frau zu sehen war, kam ich kurz aus dem Wald. Ich nickte. 
„Hallo Papa“, sagte der Mann und lächelte, „da bist du wieder.“
Ich lächelte zurück und antwortete: „Ich kann nicht lange bleiben.“
Und mein Sohn nickte und sagte: „Ich weiß.“

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