Foto: Dina Lucia Weiss
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Der Mann im Wald II

Dann stiegen wir aus dem Auto und es war Vormittag und trocken. Der Mann öffnete die Tür und half mir auszusteigen. Er hängte sich bei mir ein. Er trug einen langen, schwarzen Mantel und hatte die Haare nach hinten gekämmt. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn kannte. Wir gingen gemeinsam los. Seine Schuhe klackten auf dem Stein, wie langsames Pferdegalopp hörte es sich an. Er strich mir unsichtbare Falten aus der Kleidung. Alles war friedlich, auch die Menschen die auf uns warteten. Der Mann lächelte, aber es sah angestrengt aus. Er kannte die meisten, begrüßte alle. Ich ging nebenher und bemühte mich zu lächeln. Nickte beim Händeschütteln. Nur wenn mich die Menschen ansprachen, sagte ich nichts und blickte zum Mann, der mich vorstellte und entschuldigte, in dieser Reihenfolge.
Zuerst, „Das ist Vater.“ Und dann, „Er hat heute keinen guten Tag.“
Und ich nickte wieder, während alle betroffen schauten. 
„Warum“, fragte eine ältere Dame mit rundem Gesicht, „Spricht er gar nicht mehr?“
Dann legte der Mann seine Hand auf meinen Arm und antwortete, „Er hat nicht mehr gesprochen, seit der Sache mit Mama.“
Ich drehte mich um. Ich weiß nicht um wen es ging, aber es war mir unangenehm. Das alles hier. Die Situation und die Menschen und diese Fragen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mein Mund war Stein. Ich blickte auf den Boden und irgendwie wusste ich, dass hier eigentlich Salz liegen sollte, auch wenn gar nicht Winter war.
 
Kurz darauf kam der Mann und holte mich. Er kam, lächelte mir aufmunternd, fast mütterlich zu. Hängte sich wieder bei mir ein und führte mich in das kleine Gebäude neben der Kirche. Wir gingen drei Stufen hoch, durch eine Schwingtür und blieben vor einer Glasscheibe stehen. Die Menschen die dort standen wichen zurück, öffneten eine Schneise und er schob mich durch. 
Da lag eine Leiche. Ihre Leiche. Ihr Gesicht war wie verbrannt, aber auf eine gute Art, von einem inneren Feuer gereinigt. Die Züge entspannt, so sehr, dass sie aussah, als würde sie schlafen und auf mich warten. Nirgends sah ich den Husten. Das Feuer hatte den Husten ausgelöscht, ihre dünnen Arme die sie kaum noch heben konnte, ihren Mund verschlossen, der mir kluge Sachen erzählte. Das Feuer hatte alles ausgelöscht und hatte nur diese Hülle hinterlassen.
Ich hörte den Mann neben mir seufzen und dann spürte ich seine Hand zwischen meinen Schultern. „Erinnerst du dich“, sagte er leise. 
Ich drehte mich zu ihm um. Die anderen Menschen waren weg. „Woran“, fragte ich.
„Wie Mama starb“, sagte er, „erinnerst du dich daran?“
Ich sah zu ihm rüber. Ich erinnerte mich an eine Geschichte die sie mir erzählt hatte. Wie ein Mann im dunklen Wald verloren ging. Wie seine Familie draußen nach ihm rief, immer und immer wieder. Wie der Mann manchmal ihren Ruf hörte und ihm folgte. Wie er zwischen langen Ästen hervorkam und über viel Moos ging. Und wie sie sich umarmten, wenn er rauskam. Den Teil fand ich gut. Aber dann kam noch: Wie der Mann in der Nacht wieder in den Wald ging. 
„Doch“, antworte ich, „ich kann mich erinnern.“

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