Foto: Dina Lucia Weiss
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1007

Der Mann im Wald I
 
Als sie starb, war es lange kalt gewesen und es war auch viel Regen. Das war gut, denn Regen macht die Luft frisch und dann ging es ihr besser. Sie starb trotzdem. Ich fand sie nicht. Der Mann der bei uns wohnte fand sie. Er sagte, dass sie wieder dem Baum vor dem Fenster zugeschaut hatte, wie er die Äste zum Boden streckt und sich dehnt, dass seine alten Knochen knarren. Er sagte, dass sie dem Baum gerne zusah, weil er friedlich wirkte. Aber ich wusste, dass sie auf den Mann aus dem Wald wartete. Und er kam nicht und sie starb.
„Der Wald ist verflucht“, sagte ich.
Der Mann sagte, „was redest du von einem Wald, sie ist im Himmel.“ 
Aber ich glaubte ihm nicht. „Du lügst“, sagte ich zu ihm, „du lügst!“ 
Und er sagte, „Bitte Papa, wach auf, ich schaffe das nicht ohne dich.“ 
Doch ich wusste nicht, was die Worte aus seinem Mund bedeuteten. Ich wurde immer schwerer, da war es, ich wurde zu Stein, zu einem dicken Felsbrocken. Von unten nach oben, zuerst langsam, dann immer schneller. Dann rannte ich. Ich rannte aus dem Zimmer, wo sie nicht mehr lag und ich rannte hinaus in den Garten zum Baum mit den langen traurigen Ästen, den sie so gern angeschaut hatte. Ich rannte mit aller Kraft, aber meine Beine wogen viele Tonnen, Teile vom Boden klebten sich daran und zogen mich hinunter, ich rannte und tatsächlich war ich langsam, denn irgendeine Magie verwandelte mich zu einem trägen, alten Riesen. Ich kämpfte dagegen, kämpfte mich die Stiegen hinunter hinaus in den Garten. Da war der Baum, den sie so gern angesehen hatte, der Eingang zum Wald, der Eingang zum verfluchten Wald. Ich wollte mich hinsetzen, aber nichts hörte auf mich, nicht meine Beine und auch nicht der Mann, der hinter mit herlief. 
Ich rief, „Lass mich in Ruhe, ich weiß nicht wer du bist!“ Dann ließ ich mich nach vorne fallen und landete auf der Erde. Der Boden war nass vom vielen Regen und das war gut, denn eigentlich war ich alt, konnte ich mich erinnern. Ich weinte nicht. Sie hatte auch nicht geweint. Ich lag am Boden. Ich hörte den Wind in den Blättern und ich hörte den Mann, wie er nach mir rief. Aber es war mir egal. Ich lag unterm Baum und atmete den erdigen Boden, wie er leise in den Himmel seufzte und das war schon schwer genug. Ich konnte nicht aufstehen, ich war endgültig Stein. Nur mein Herz schlug unter der dicken Schicht, leise und schwach und im Takt mit dem Klackern von Störchen aus ihrer Jugend. Wie schwebende Uhren, über den Ribiselsträuchern, neben der Kirche, wo wir gesessen sind.
Ich dachte an sie und ihren Supermarkt. Sie hat immer gesagt, das Leben ist ein Supermarkt. Die Leute nehmen sich was sie wollen, aber nicht jeder kann sich alles leisten. Manche bekommen die das frischeste Brot und wieder andere angegammeltes Fleisch, das in drei Tagen für Durchfall sorgt. Viele kaufen Äpfel, aber nicht alle Äpfel sind gleich und das ist nicht gerecht und gleichzeitig schon. Sie sagte viele Dinge, auch kluge, sehr kluge sogar. Den Supermarkt gab es noch irgendwo, sie aber nicht mehr. Sie war unter der Erde. Im Wald.
Dann kam der Mann, ich konnte seine Schritte hören. Er kniete sich zu mir nieder und strich mir über den Kopf. 
„Papa,“ sagte er wieder. 
Aber ich war Stein. 
„Was machst du für Sachen,“ sagte er noch. 
Aber ich war Stein.

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