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Vaterfalten

Mir ist Sommer. Das Gras trocknet und auf den Straßen liegt Staub. Seit Vater gestorben ist, sind alle verwelkt. Ich auch. Ich bin gealtert und hässlich geworden. In der Früh sah ich mich im Spiegel, tiefe Linien waren um meinen Mund. Ich ziehe das gelbe Kreppkleid aus dem Second Hand-Laden an. Die Erbsache war noch nicht einmal vorbei. Wir hätten alle gerne geerbt, und ich so: dann mähe ich zumindest Vaters Rasen.
Vater hinterließ Unordnung, ungewaschene Gläser auf dem Tisch und ein Sakko, achtlos über eine Stuhllehne geworfen. Am Fensterbrett alte Joghurtbecher, in ihnen tote Fliegen. Ich sperre auf, mache Halt in der Küche, suche unbestimmte Schätze. Niemand sagt „willkommen“. Es ist ein irritierendes Gefühl. Ich wühle durch einen Schrank mit Einmachgläsern, öffne ein Marillenkompott und setzte mich aufs Kanapee in der Küche. Mir ist Sommer.
Das Kanapee hat Vater in die Küche geschleppt, dafür, dass er darauf schlafen wird. Er schlief dort nicht einmal und starb in seinem kleinen Arbeitszimmer. Ich lege mich hin, ich weiß nicht, wie mir ist. Unten in der Stadt läutet eine Kirchenglocke. In den Weingärten um das Haus herum wandern Menschen herum, ich höre sie arbeiten und lachen. Es kommt mir unerhört vor.
Und danach mähe ich das Gras, das Gras liegt mir zu Füßen, ich mähe gegen den Strich, ich hole aus und die Sonne knallt mir auf das gelbe Kleid, auf den gebeugten Rücken darunter. Ich fange an zu weinen, weine in das kniehohe Gras, weine hinter dem Haus, das mir zusammen mit ihm gestorben ist. Plötzlich weiß ich alles, ich verstehe es, nur ist niemand da dem ich es sagen kann, ich mähe, ich mähe, alles um das Haus herum, Papa, ich bin stark, wenn du mich sehen würdest. Ich denke ...

Und dann sind die Erbschaftsverhandlungen vorbei, unvermittelt habe ich die Schlüssel vom Haus, wir werfen ein paar Dinge weg, alte Pillenschachteln, für was oder wen wären die jetzt noch, selbstverständlich, Bleistifte und Kleinigkeiten, es gibt keine Zeit zum Nachdenken. Ich räume das jetzt so auf, dass nicht einmal mehr sein Geruch verbleibt. Und mir ist Sommer und auch anders.
Ich trage gerne seinen alten Mantel. Der Wein, in den er immer angezogen war, duftete nicht schwach. Ich hüllte mich darin und krieche hinein. Wenn ich in der Früh auf den Bus warte, duftet die ganze Station nach mir. Auf dem Rückweg treffe ich mich dann wieder dort mit seinem Duft.

Ich hatte die Hausschlüssel, nur wartet niemand mehr auf mich, begrüßt werde ich von keinem. Mit den Füßen massiere ich Vaters Garten und manchmal höre ich in der Nacht, wie das Gras erneut wächst. Mir ist Sommer, und das schon seit langer Zeit.

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