Foto: Dina Lucia Weiss
Foto: Dina Lucia Weiss

Zu Gast im Mai

17-05 | Philipp Röding

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Dezember

16-12 | Jürgen Bauer

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Oktober

16-10 | Didi Drobna

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im September

16-09 | André Patten

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Mai

16-05 | Valentin Moritz

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im März

16-03 | Elias Hirschl

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Februar

16-02 | Markus Mittmansgruber

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

1002

Das Ende des Sommers II

Großcousine Miriam sagte immer, alles im Leben kommt wie die Jahreszeiten: mal früher, mal später, aber es kommt, wenn sie kommt. Dann lachte sie dreckig. Als sie das sagte, stand sie in ihrem großen Garten hinter ihrem Haus auf dem Hügel, von dem aus man die ganze Stadt überblicken konnte, und meißelte mit ihren 65 Jahren an einem Marmorblock. Großcousine Miriam war Bildhauerin. Wie andere Menschen beständig die Kolonoskopie bis zur Pension aufschoben, weigerte sie sich mit ihrer Kunst aufzuhören, mit ihren Holztotems und den riesigen Steinfiguren Schluss zu machen. Dabei war Groußcousine Miriam gar nicht unsere Großcousine, sondern etwas ganz anderes. Ich ließ mir die Verwandtschaft einmal von Mutter und ihr erklären. Beide sagten etwas anderes. Großcousine Miriam blieb Großcousine Miriam, die alte Dame mit den zwei Praktikanten, den Steinhaufen und Metalltürmen in ihrem Garten. Laura und ich spielten am Tag dazwischen Verstecken und am Abend erklommen wir die Riesen, um über die Ränder der leuchtenden Stadt ans Ende der Welt zu blicken.
Ich erinnerte mich, dass ich gerade in diesem Sommer, am Höhepunkt meines jugendlichen Wahnsinns, auch Bildhauer werden wollte. Eine Woche vor dem Urlaub zwinkerte mir eine Galeristin, die eine Werkschau von Großcousine Miriams Skulpturen kuratierte, bei der Eröffnung der Ausstellung zu. Sie zwinkerte einmal und später fixierte sie mich mit ihrem Blick, während sie mit einem potenziellen Käufer sprach. Ihre Haare waren gut geföhnt, ihr Lachen kultiviert und perlweiß. Kurzum sie war eine offensichtlich beruflich und sexuell selbstverwirklichte Frau. Ich schlich um sie herum und war frustriert, als wir bald darauf heimgingen. In der Nacht masturbierte ich zur Vorstellung von ihr und mir. Wie ich Künstler war und mit Hammer und Meißel an einer sehr großen, sehr maskulinen Steinskulptur arbeitete, die sie unbedingt für ihre Galerie haben wollte. Ich war fertig, noch bevor sie in meinem Kopf zur Tür reinkam und meine breiten Schultern oder starken Arme oder meine rustikale Kunst bewundern konnte. Als wir in den Urlaub aufbrachen, machte mich die Vorstellung fertig, dass ich mir nicht mehr jeden Abend in Ruhe einen runterholen konnte.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0