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0329

Pulver


Wenn ich der Medizin des 21. Jahrhunderts Glauben schenken darf, kann ich mit den Kalorien, die ich heute zu mir genommen habe noch circa 12 Stunden in diesem Tempo weiterlaufen, ehe meine Muskeln versagen oder meine Lungen kollabieren oder mein Herz aufhört zu schlagen, dachte sich Erwin Schulz.
Die Allee, die er vor fünf Minuten hinter sich gelassen hatte, war bereits außer Sichtweite und die letzte Straßenlaterne hatte inzwischen aufgehört zu leuchten, was die Straße in eine angenehme Finsternis hüllte, die gleich der aufgehenden Sonne weichen würde.
Sein Herz schlug so schnell wie bei seinem ersten Mal in der unangenehm feuchten Kälte des einzigen Dorfbordells weit und breit und Erwin erkannte, dass er sich mehr auf das Laufen konzentrieren könnte, wenn er es endlich schaffen würde, den Stimmen in seinem Kopf weniger Aufmerksamkeit zu schenken, die ihn unablässig daran erinnerten, dass er sich eine Waffe besorgen und damit um sich schießen solle.
Leitpfosten flogen an ihm vorbei wie Wolken und der Unterdruck machte Erwins Schultern schwerer und schwerer.
Sein Vater hatte sich erschossen als er 11 war und seine Mutter zwei Jahre später. Die Psychose war in seinem 17. Lebensjahr ausgebrochen und bei ihm geblieben.
Die Blaulichter der Polizeistreifen flackerten hinter ihm und spiegelten sich ganz leicht in den Pfützen und an Erwins Fingernägeln.
Ganz ruhig, sagte sich Erwin. Vielleicht war es nur das reguläre Engelsleuchten, das ihn regelmäßig heimsuchte. Oder die Aurora. Vielleicht hatte sich das Erdmagnetfeld umgepolt. Zur Sicherheit biss er sich trotzdem im Laufen die Fingernägel ab.
Vor ihm ging langsam die Sonne auf und warf erste Strahlen auf die nun, von Rapsfeldern umgebene Landstraße, auf der Erwin dahinflog.
Wie im Urlaub, dachte er sich und starrte auf den Horizont. Urlaub hieß für ihn Weißbrot statt Schwarzbrot und seine Pulver in Eistee verrührt zu bekommen. Es war jetzt 36 Stunden her, seit er das letzte mal seinen Eistee getrunken hatte. Die Stimmen in seinem Kopf erinnerten ihn daran.
Neben den Stimmen hörte er auch wieder die Sirenen der Polizeiautos.
Er zählte die Sekunden zwischen Blaulicht und Sirene und berechnete so, wie weit die Polizei noch entfernt war. Das Ergebnis war wenig zufriedenstellend.
Wenn sie ihn schnappen würden, würden sie ihn verhaften. Die Vergewaltigungen und die Raubüberfälle konnte man ihm nachweisen, aber die Leichen hatte man noch nicht gefunden, also vorerst kein Grund zur Unruhe.
Da die Polizei nach einem, Zitat: „wahnsinnigen, schreienden Mann im Schlafanzug“ suchte, zog sich Erwin aus und fing an, ein Lied über geistige Gesundheit zu singen. So würde man ihn nicht erkennen.
Seine Kleidung blieb hinter ihm auf dem nassen Asphalt liegen, wie ein Rudel überfahrener Hunde. Wenn Erwin nicht sofort anfing, schneller zu laufen, würde das Rudel wieder aufspringen, ihn einholen, im Vorbeilaufen in Stücke reißen und ihn wiederum liegenlassen wie ein Rudel überfahrener Hunde. Erneut wiesen ihn die Stimmen auf diesen Sachverhalt hin.
Als Erwin an einem zugefrorenen See vorbeilief, beschlich ihn ein Gefühl, als würden seine Fußsohlen immer heißer werden. Den See konnte er als Fluchtweg also ausschließen, weil die Eisdecke unter seinen Füßen davonschmelzen würde. Im schlimmsten Fall würden seine Füße so heiß werden, dass das Eis auf der Stelle verdampfen würde, und Erwin wollte beileibe keine Explosion riskieren, und insbesondere nicht nackt.
Sein Körper würde in kleine Stückchen zersprengt werden.
Kleine Stückchen mit Verbrennungen.
Verbrennungen hohen Grades.
Die Polizei hätte leichtes Spiel mit ihm. Allerdings würde sich seine lebenslange Haftstrafe auf ein Minimum reduzieren, aufgrund seines auf ein Minimum reduzierten Lebens.
Erwin hielt das für die bessere Lösung. Er riskierte es und explodierte.
Die Polizei hatte leichtes Spiel mit ihm.

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