Foto: Dina Lucia Weiss
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Im Vorführraum stehen zahlreiche Stühle, die in Reihen angeordnet sind. Ein paar andere Jugendliche von anderen Schulen haben sich bereits einen Platz gekapert. Es ist laut, alle quatschen wild durcheinander, albern herum und lachen, was Anja unmöglich findet. Frau Keblatt steht neben ihr. Anja ist danach, Frau Keblatt zu sagen, wie unmöglich sie den Lärm und das alles findet. Ich finde das unmöglich, sagt Anja energisch und verschränkt die Arme. Was denn? fragt Frau Keblatt in einem mauligen Ton. Oha. Ist sie genervt von Anja? Stimmte wieder etwas mit der Aussage nicht? Hat sie zu laut gesprochen? Etwas Falsches gesagt? Hitze steigt in ihrem Gesicht auf. Sie möchte schon gar nicht mehr auf die Frage antworten. Aber jetzt hat sie ja keine andere Wahl mehr. Na, wie die hier alle Krach machen und rumgackern, wo hier so viele Menschen gestorben sind, antwortet Anja unbeholfen. Oh man, war das gerade grottig formuliert, denkt sie, wie von einem Klippschüler, so eine Scheiße. Frau Keblatt nimmt ihre Antwort nur mit einem Ach so zur Kenntnis. Richtig vernichtend. Anja sucht sich einen Platz weit weg. Sobald sie sich auf einen Stuhl setzt, schaut sie sich wieder im Raum um; aber alles, was sie sieht, erscheint ihr wie hinter Milchglas. Sie kriegt ihre Umwelt nur schemenhaft mit. Die Sache mit Frau Keblatt hat fast ihre gesamte Aufmerksamkeit annektiert. Nicht nur wegen jetzt. Sondern vor allem wegen gestern. Da nämlich hat alles angefangen. Nach der Schulstunde mit Frau Kaufmann.

Als es zur Pause klingelte, trat Frau Keblatt an Anjas Tisch heran. Anja ging felsenfest davon aus, dass sie nun ein Kompliment erhalten würde für ihre Mitarbeit und ihr Wissen, das sie unter Beweis gestellt hat. Doch statt Lob und Anerkennung gab es vollkommen unvorhergesehen eine Zurechtweisung. Frau Keblatt nämlich fand, dass Anja sich gegenüber Frau Kaufmann unhöflich verhalten hatte wegen der Berichtigungen, und meinte, es wäre in erster Linie Besserwisserei gewesen. Anja konnte dazu erst einmal gar nichts sagen, sie war wie gelähmt, hatte sie doch schließlich mit etwas ganz Anderem gerechnet. Aber so stehen lassen, wollte sie den Vorwurf Frau Keblatts auch nicht, und so rechtfertigte sie sich schließlich damit, dass ihre Einwände und Richtigstellungen inhaltlich korrekt gewesen sind und Richtigkeit bei so einem bedeutungsvollen Thema wichtig sein sollte. Ich pflichtete dir bei, hätte Frau Kaufmann Räuberpistolen zum Besten gegeben, wichtige Fakten unterschlagen und vertauscht oder Geschichtsrevisionismus betrieben, entgegnete Frau Keblatt, aber wenn es vorzugsweise um begrifflich unerhebliche Abweichungen geht wie Schuhkommando und Schuhläufer-Kommando, ist es nur noch unnötige Haarspalterei und nicht gerade sehr erfürchtig gegenüber derjenigen, die in ihrer freien Zeit zur Schule kommt, um der Klasse einen Einblick ins Lager zu geben.

Das war gestern. Und wie man soeben am Tonfall Keblatts und ihrer Reserviertheit erkennen konnte, scheint sie auch jetzt noch nicht gut auf Anja zu sprechen zu sein. Dabei hatte das Anja mit dem Lärm doch nur gesagt, weil sie einen Schritt auf sie zugehen wollte, zeigen wollte, dass sie weiß, was sich an einem solchen Ort gehört und was nicht, und dass sie heute morgen bei der Ansprache aufgepasst hatte. Keblatt ist zu hart zu ihr, um nicht zu sagen, gemein. Wenn sie auch nur halb so streng gegenüber den Kerlen in der Klasse wäre... die bauen nämlich tatsächlich wie am Fließband Scheiße! Ach, egal, denkt Anja, sie wird einfach gar nichts mehr über den verdammten Holocaust sagen, wenn die Keblatt das glücklich macht, oder sich einfach gleich unsichtbar machen, damit alle ihre Ruhe vor ihr haben.

Jetzt läuft der Film bereits seit gut zehn Minuten und sie hat ihn bzw. das, was die Off-Stimme gesagt hat, nur zur Hälfte mitbekommen. Frau Kaufmann sagte, der Film wäre ziemlich heftig und würde einem den Magen verdrehen. Anja aber kann das nicht bestätigen. Eher im Gegenteil sogar, sie ist fast ein wenig, sie sagt mal, enttäuscht, dass so wenig zu sehen ist und dann auch nichts anderes als das, was man ohnehin schon aus dem Geschichtsbuch kennt. Überhaupt war sie ziemlich ernüchtert, als sie durch das Lagertor gegangen ist. Frau Kaufmann hatte zwar erwähnt, dass keine Baracken mehr stehen, sondern nur noch Gedenksteine mit den Nummern der Unterkünfte, aber trotzdem... so kahl hat Anja sich es einfach nicht vorgestellt. Bis auf diese Baracke und die, die gleich rechts gegenüber steht, hat sie noch gar keine andere gesehen.

Der Film ist vorbei, der Raum wird hell, das Gequatsche geht sofort wieder los. Anja steht schnell auf, will wissen, ob das hier bereits alles gewesen sein soll. Sie schlängelt sich durch die Stuhlreihe und begegnet Jeanne, die nur ein paar Plätze weiter rechts sitzt. Jeanne ist jetzt die Richtige, mit der kann man sich kurz über den Film austauschen. Und außerdem, mit Jeanne zu reden, ist irgendwie immer sehr schön. Na, wie fandest du den Film, fragt Anja und grinst sie an. Jeanne bläst durch ihre Lippen und macht ein Gesicht, als wüsste sie nicht, was sie darauf antworten sollte, Na ja, eh, nicht schön, schlimm.

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