Foto: Dina Lucia Weiss
Foto: Dina Lucia Weiss

Zu Gast im Mai

17-05 | Philipp Röding

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Dezember

16-12 | Jürgen Bauer

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Oktober

16-10 | Didi Drobna

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im September

16-09 | André Patten

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Mai

16-05 | Valentin Moritz

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im März

16-03 | Elias Hirschl

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

Zu Gast im Februar

16-02 | Markus Mittmansgruber

> zur Biografie

> zum online-KLISCHEE

1117

Keblatt dirigiert die Klasse zur Häftlingswäscherei, in der der von Kaufmann angekündigte, ob seines Bildmaterials schwer verdauliche KZ-Film gezeigt werden soll. Neben ihr läuft unglücklicherweise Scheel, der bereits den ganzen Morgen einen Flunsch zieht. Nun könnte sie ihn natürlich teilnahmsvoll fragen, ob ihm etwas fehle; gleichwohl hegt sie erhebliche Zweifel daran, dass ihn echte Probleme umtreiben. Wahrscheinlich mokiert sich dieser Stammtischredner und Berufsidiot ja doch bloß über irgendeine Äußerung von ihr. Warum nur musste ausgerechnet er der einzige sein, der sich freiwillig für den Aufsichtsposten meldete? Er, der nicht mehr ist als der Schatten eines Gehirns, der den engagierten Über-Vater mimt, ohne zu merken oder sich auch nur dafür zu interessieren, dass sein vollkommen verzogener Sandkastendesperado Stefan Lehrerinnen unter den Rock fotografiert oder im Schrank einsperrt und mit kleptomanischem Eifer sämtliche seiner Mitmenschen bestiehlt. Sagen Sie, fängt Scheel unvermittelt zu sprechen an, nichts für ungut, aber finden Sie wirklich, dass man den Kindern suggerieren muss, sie hätten Schuld an das, was vor siebzig Jahren passiert ist? Na toll, denkt Keblatt, dass braucht sie heute unbedingt, einen unter Schuldparanoia leidenden Komm-mir-nicht-mit-Auschwitz-Nörgler. Nein, antwortet sie bloß. Scheel sieht sie verständnislos an, während Keblatt, um den Anschein der Gelassenheit und einen schnelleren Gang bemüht, geradeaus schaut. Wenn das so ist, fährt Scheel fort, aber genau das haben Sie heute in ihrer Ansprache gesagt. Keblatt hält das im Kopf nicht aus. Das Wort Schuld habe ich nicht mit einer Silbe erwähnt, Herr Scheel. Nein, natürlich haben Sie das nicht öffentlich geäußert, sag ich mal, erwidert Scheel mit einem dämlich schiefen Grinsen, ich habe das zwischen den Zeilen herauslesen können. Keblatt wäre danach, süffisant zu grinsen; sagte sie es nicht: Schuldparanoia. Mit Verlaub, Herr Scheel, es sollte aber immer noch der Unterschied zwischen dem Wortwörtlichen und der eigenen Interpretation berücksichtigt werden. Ich möchte darauf hinweisen, dass Interpretationen vieles sein können, von abwegig bis sehr naheliegend geht da alles; allerdings sollte doch nicht aus den Augen verloren werden, dass Deutungen, und nicht mehr und nicht weniger stellt Ihr erwähntes Zwischen-den-Zeilen-Lesen dar, niemals Tatsachen sein werden. Scheel ist das dämlich schiefe Grinsen nunmehr vergangen. Also, erst mal, beginnt er, laut werdend, haben Sie mich hier auf nichts hinzuweisen, Sie sind nicht, falls Sie das nicht auf dem Schirm haben sollten, meine Lehrerin, Punkt Nummer eins. Mein Gott, warum habe ich mich überhaupt auf eine Diskussion eingelassen, tadelt Keblatt sich selbst, wenn dieser Synapsenfriedhof nicht gleich die verdammte Klappe hält, wird er es noch sein, und nicht sein missratener Sohn, der mich in Verlegenheit bringt. Punkt Nummer zwei, ich vertraue einfach meinem gesunden Menschenverstand und erkenne die Propaganda des Mainstreams. Obwohl Keblatt weiß, dass sie den Mund halten müsste, um einer eventuellen Eskalation aus dem Weg zu gehen, kann sie es nicht lassen: Das verstehe ich nicht, Sie sagten, Sie hätten etwas zwischen meinen Zeilen gelesen und sprechen dann von Propaganda. Propaganda steht für gewöhnlich aber nicht zwischen den Zeilen. Scheel gibt sich einen Klapps auf den Schenkel, Können Sie bitte aufhören mit ihrem Lehrergetue? Ich bin ein erwachsener Mann, also haben Sie gefälligst Respekt. Nun gebietet es sich aber allmählich doch, auf die Bremse zu treten, sieht Keblatt ein. Entschuldigen Sie, Herr Scheel, es sollte nicht wie Besserwisserei aussehen, das ist überhaupt nicht mein Ansinnen. Es geht doch eigentlich nur um Folgendes: Sie befürchten bzw. glauben, ich möchte den Schülern vermitteln, sie sind Schuld an den NS-Verbrechen. Das ist aber ganz sicher nicht meine Absicht, nicht zuletzt, weil dahinter eine Absurdität steckt, die mir einfach nicht zu eigen ist. Was ich tatsächlich meine, ist eine, ich sag mal, historische Verantwortung, der man als Deutsche bzw. Deutscher nachkommen sollte. Dazu zählt für mich die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, die Initiative gegen das Vergessen und der Widerstand gegen alles, was sich als menschenverachtend und volksverhetzend zu erkennen gibt. Um künftige, sich auftuende gesellschaftliche Abgründe verhindern zu können, muss sich mit den alten unermüdlich beschäftigt und aus ihnen gelernt werden. Finde ich jedenfalls. Aber nun, Keblatt bleibt kurz vor der Häftlingswäscherei stehen und wendet ihren Blick zur Klasse, die nachkommt, lassen Sie uns das Gespräch vertagen, jetzt ist es gerade ungünstig.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0