Foto: Dina Lucia Weiss
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 Einige Schüler und Schülerinnen haben bereits vor der Stunde Kaufmann abfangen und ein Gespräch aufschwatzen können. Es gibt niemanden, dem nicht die Freude ins Gesicht geschrieben steht anlässlich des Besuchs dieser einstigen Pyramide von Kompetenz und Anziehungskraft. Kaufmann ist auf diesem Gymnasium das, als was die Ostampelmännchen, Robo Cop oder auch der Wackeldackel heutzutage gelten: Kult - oder auch, wie Keblatt es treffender zu formulieren geneigt ist, Projektionsfläche für therapiebedürftige Nostalgiker. Sie fragt sich, ob aus ihr auch ein Ziel der Vergötzung und Anbiederung geworden wäre, wenn sie ein paar unterhaltsame Lehreranekdoten zum Besten gäbe, respektive könnte. Keblatt schließt das Klassenzimmer auf und lässt die in Sopran und Falsett durcheinander quatschende Schülermurkse rein. Mit Anekdoten ist einem ohnehin das Entzücken der Welt, ach was, des Kosmos! sicher, nimmt sie ihren Gedanken wieder auf, da könnte man sogar ein lebendes Huhn anzünden oder ein Schnupsel geheißenes Robbenbaby tot beißen; das ist alles vergessen oder wenigstens halb so wild, solange man sich durch Anekdoten profilieren kann. Keblatt schwenkt ihren Kopf zu Kaufmann, die sich an der Tür mit Stefan unterhält, und versucht sich vorzustellen, dass diese Ehrerbietung generierende Lehrerin a.D. einen geheimen, für andere nicht zu betretenden Keller hat, in dem sie verstohlen herzzerreißend niedlichen Tierbabys sadistische Praktiken zumutet. Es klappt nicht. Diskret schüttelt Keblatt den Kopf. Wer könnte schon dieser durch und durch beschlagen, reaktionssicheren, mit feinem Witz sprechenden Ruheständlerin etwas andichten, das vor dem Hintergrund psychiatrischer und juristischer Relevanz steht? Egal. Sie ruft die Klasse zur Ordnung, die sich nach dem Leitbild von Zellen geteilt und im Raum gruppiert hat, und eröffnet die Stunde schließlich damit, sobald auch der letzte auf seinen vier Buchstaben sitzt, Kaufmann offiziell zu begrüßen. Es wird unvermittelt totenstill. Das kennt Keblatt von ihrer Klasse gar nicht. Kaufmanns bloße Gegenwart flößt allen Respekt ein.

Ja, hallo … Da sieht man sich mal wieder, beginnt Kaufmann, ich freue mich heute sehr, euch wiederzusehen, das ist ja auch schon wieder zwei Jahre her. Pause. Ich hab' gehört, ihr seid jetzt bei Frau Klefoth? Allgemeines Stöhnen und Gekicher ertönt. Ja, leider! ruft Stefan. Nanu, jetzt übertreib mal nicht, sagt Kaufmann und kann sich ein Grinsen kaum verkneifen, Frau Keblatt hat mich angerufen und darüber informiert, dass ihr zur Gedenkstätte Sachsenhausen reist. Soweit ich weiß wohl deshalb, weil es im Naturkundemuseum gebrannt hat. Die in den hinteren Reihen befindlichen Bockwurstverkäufer in spe Schrägstrich Lucas und Robin lachen vor sich hin. Als sich etwa die Hälfte der Schüler zu ihnen umdreht, sagt Lucas, Jo, die Hells Angels waren's, wurde Frau Keblatt jesacht. Nun kriegt sich Robin vor Lachen nicht mehr ein. Gott sei Dank, finden das nicht alle komisch, denkt Keblatt, die ihren Blick durch die größtenteils schweigende Klasse schweifen lässt. Na ja, es ist ja allseits bekannt, dass kleinstädtische Naturkundemuseen ein Eldorado für Drogen- und Waffenhändler sind, merkt Kaufmann mit einem Grinsen an und bringt damit auch die bisher lautlos Gebliebenen zum Lachen, aber gut; jedenfalls rief mich Frau Keblatt an, weil sie wusste, dass ich mich in der Gedenkstätte auskenne; ich habe mit vielen Klassen Exkursionen nach Sachsenhausen unternommen. Eigentlich wollte Frau Keblatt erreichen, dass ich mitkomme, um euch durchs Lager zu führen, und ich hätt's auch wirklich gerne gemacht, aber es geht gesundheitlich leider nicht. Die Blicke aller richten sich auf Kaufmanns rechte Hand, die sie - wie damals und nahezu schon aus Gewohnheit - mit der Linken festhält, um den Tremor im Zaum zu halten. Um es vorwegzunehmen, spricht Kaufmann, die das neugierige Glotzen natürlich registriert, mir geht es, seit dem ich in Rente bin, immer noch gut, das Zittern beschränkt sich nach wie vor auf den Mittelfinger. Dass ich nicht mitfahren kann, liegt also nicht an meiner Parkinson-Krankheit, sondern an meinem Fuß. Ich bin dieses Wochenende umgeknickt und kann seitdem nicht vernünftig auftreten. Das ist schade, aber deshalb bin ich heute hier, um euch ein bisschen vom Lager zu erzählen und was man so zu sehen bekommt.

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