Foto: Dina Lucia Weiss
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Einmal hat Jeanne davon geträumt, mit der Klasse zu einer solchen Gedenkstätte zu fahren. Nur war es nicht Sachsenhausen, sondern Buchenwald, glaubt sie, oder Dachau. Die Stimmung war im Traum so unheimlich, wie Jeanne sie sich im Wachen immer vorstellt, wenn sie an Konzentrationslager denkt. Der Traum entsprach praktisch ihrer Vorstellung, will sie damit sagen. Da sollte sie also zu diesem Ort hin, in dem das Sterben und der Tod bis zum Geht-nicht-mehr zusammengeballt gewesen und herausdestilliert worden sind wie Alkohol; in dem diese wandelnden, mit Haut so dünn wie Schwimmhäute überzogenen Gebeine ihr zweifelhaftes Domizil hatten. Diese großen Augen, die so tief in den Höhlen lagen, diese krassen Wangenknochen, diese, oah, wie soll sie sagen, Gerippe, die an Schädelstätten denken lassen, an Verdammnis. Aber dann nur halt noch viel schlimmer.

Jedenfalls, sie hat von so einem Besuch geträumt. Der Himmel war grau wie die gruseligen Archivbilder, die man im Fernsehen und in Geschichtsbüchern zu sehen bekommt. Sie weiß noch, dass es über die Autobahn ging. Eine große Kurve mit Steigung führte über eine Brücke und dann direkt zum Lager; dem Lager mit diesen Baracken, diesen vielen Baracken. Und da, da vorne, war der Stacheldrahtzaun, und auf einmal sah sie sich mittendrin in so einer Konzentrationslagerbaracke oder sie hat sich das im Traum vorgestellt, vorgestellt mittendrin zu sein, im Konzentrationslager, und es überkam sie nur noch das blanke Grauen, ein Grauen wie ein Trauma, und die totale Angst, dass sie nur noch weg wollte. Es ging einfach nicht, sie konnte es nicht aushalten, diesen Horror und diese Angst. Da sprangen all die Bilder hoch, mit den leblosen, labberigen, übereinander geschmissenen Leichen und den wandelnden Gerippen, die bei ihr immer die Frage aufwerfen, wie die überhaupt noch gehen konnten, wo doch nix mehr an und in ihnen war.

Einmal hat sie zu ihrem Vater mit Vehemenz gesagt, sie werde keinen Fuß in so eine Gedenkstätte setzen, das würde sie total traumatisieren, könnte sie gar nicht ertragen. Vielleicht hat sie das gesagt, nachdem sie diesen Traum geträumt hatte. Jeanne überlegt, ob sie ihrem Vater lediglich wiedergegeben hat, was sie im Traum gedacht und gefühlt hatte. Sie weiß es nicht mehr. Komisch, denkt Jeanne, das alles ist noch gar nicht so lange her, und auf einmal geht es tatsächlich mit der Klasse in so ein Lager. Schon ziemlich krass und – , na ja, so ziemlich erstaunlich einfach, wie manche Dinge im Leben, an die man mal gedacht hat, auf einmal eintreten. Solche Zufälle einfach.

Sie wird mitkommen. Das Interesse ist doch größer als die Angst und das Erschauern. Vielleicht ist auch, wenn sie versucht, mal ganz ehrlich zu sich selbst zu sein, so eine Grusel- und Gänsehautgeilheit dabei. Außerdem, sie ist ja nicht alleine und auch nicht nachts auf dem Gelände. Ihr kann ja nichts passieren.

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