Foto: Dina Lucia Weiss
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Jeder beweint nach seiner Façon die entschwindende Zeit

Louis Ferdinand Celine, Reise ans Ende der Nacht


Wir sitzen im Park am Hotel Palace und trimmen Dosenbier. Der beliebteste Ort der Belgrader Jugend, wie ich ihr erkläre, am Wochenende sei der Park voll, man sehe nur Menschen, keine Flächen. Vor unserer Bank in Augenweite wurde ein mannshoher Berg Kies aufgeschüttet. Wir fragen uns, wofür er da ist. Dann steigt ein vorbeiradelndes Kind von seinem Minibike und rennt unkoordiniert, in vollem Anlauf auf den Berg zu und schmeißt seinen kleinen Körper frontal auf den Kies. Sie fängt lauthals an zu lachen und erklärt mir, das Mysterium des Kiesberges sei gelöst. Ich schmunzle und blicke um mich. Nichts hat sich verändert in den vielen Jahren, seit ich Belgrad verlassen habe. Die Fassade der Akademie für angewandte Kunst verfällt auf die gleiche Art und Weise wie vor sechs Jahren. Die angenagten Fensterfronten mit ihren Holzrollläden erinnern mich an Zeiten, die meine Eltern gerne und oft beweinen, meine Generation jedoch wenig angingen. Die Geräuschkulisse – eine Mischung aus unbändigem Verkehr, nahem Stadtzentrum und der riesigen Bushaltestelle unterhalb des Parks – bleibt immer gleich. Genauso wie die Gerüche vom Urin und den Abgasen und den Fäkalien immer gleich bleiben, eine sonderbare Mischung, die manche sogar als angenehm empfinden. Die umliegenden Cafés haben neue Namen erhalten, wahrscheinlich auch neue Besitzer. Die Gesichter der Menschen sind älter geworden, es sind aber immer noch dieselben Gesichter. Viele kenne ich noch von früher, zumindest bilde ich es mir ein. Als ich bemerke, wie Miloš – den ich als Einzigen in der Menge erkannt habe – mich von weitem her grüßen will, drehe ich mich zu ihr und küsse sie. Ich lebe nicht mehr hier, und hinterfotzige Gepflogenheiten waren nie mein Ding. Ich beobachte lieber, trinke mein Bier und lebe ungern nicht mehr hier.

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