Foto: Luca Maximilian Kunze
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0615

Gräulich, als ich dann gehe.

 

Den Kopf im Nacken und es sind Wolken. Gerade in der Nacht – in der Nacht sieht man sie besonders deutlich als Momente, die den schwarzen Himmel teilen. Ich habe mich raus geschlichen – ja, ich hasse mich dafür, zu Rauschen obwohl du sagt, ich will nicht, dass du stirbst und ich nehme diesen Satz sehr ernst. Was ist dieses Festgefahrene in mir, dass ich noch so sehr an dieser einen Liebe hänge.

 

Mein Blick geht über den Tisch – dann lächle ich: „Mich macht diese Vorstellung traurig.“ An meinen langen Fingern ist der Russ und die glatte Fläche des Tisches färbt es leicht gräulich, wie ich so langsam die Tabakkrümel von der Kante streiche. Ihm bleibt nur ein Zucken mit den Schultern. Unter dem gekräuselten Pony kann er meine Augen kaum sehen. „Vergänglichkeit meinst du?“ Meine Locken wippen mit dem Kopf. Er weiß, mich stört die Küchenbeleuchtung – zu hell, sage ich dann, viel zu hell und nichts kann sich verstecken, dann lächle ich wieder. Ich mag die Schatten, würde ich sagen. Mein Blick folgt den Tabakkrümeln gegen die Tischkante – gräulich. „Ja!“ sage ich „Oder einfach die Vorstellung, dass es irgendwann einfach vorbei sein soll.“ Meine Tasse ist mittlerweile leer aber der kleine Löffel klirrt gegen das Keramik beim Versuch, noch einen letzten Tropfen herauszuquetschen. Eigentlich hätte er mich ganz herein bitten sollen. Aber wir sind immer so ein Moment dazwischen – als ich dann endlich vor der Tür stand. Irgendwie gähnte er immer. Während der Regen so gegen die Scheiben prasselt, sieht er meinen Kopf schräg in seine Richtung deuten – so aus den Augenwinkeln kann er es sehen. Und ich denke, wann sagt er den endlich etwas. „Willst du noch einen Tee?“ Meine Locken wippen. Ein paar Sekunden Ruhe mit dem Rauschen kochendes Wasser und zum Scherz bewegt er seine Lippen ohne Laute von sich zu geben – aber ich schaue nur auf die Tabakkrümel – ich bekomme seinen Scherz gar nicht mit. Ich sehe nicht, wie er versucht, zu sprechen gegen den Sturm, gegen das Rauschen. „Bist du ein Geschichtenerzähler?“ frage ich, als endlich wieder Stille ist in der Küche, mit der Nase im dampfenden Wasser und er versteht mich nicht. Er kneift die Augen zusammen. „Naja, jemand der so aus dem Moment heraus eine Geschichte erzählen kann – so von Anfang bis Ende mit Spannungsbogen. So jetzt, in diesem Moment z.B., kannst du das?“ Meine Lippen öffnen sich für einen zarten Hauch gegen die Tasse. Dann lächle ich wieder. „Ich glaube, du bist kein Geschichtenerzähler.“ und er denkt, ich denke, es war so viel besser, als wir noch kein Wort gesprochen hatten. Und er denkt, ich denke, ich gehe jetzt – auch wenn es regnet. „Eigentlich ist das die falsche Perspektive.“ sagt er nach einer Weile und meine Tasse ist schon wieder leer. Aus den Augenwinkeln sieht er meinen Kopf schrägt gegen sich. „Du betrachtest es immer aus der Perspektive der Vergänglichkeit aber ich glaube, man muss es aus der Perspektive des Entstehens sehen.“ Etwas in mir runzelt die Stirn. Er denkt, ich denke, ich gehe jetzt – aber meine rußigen Finger bleiben auf der Tischfläche liegen – schwer. „Eigentlich ist das Leben wie dieser Regen – so ein ewiger Regen – mal mehr, mal weniger – aber kontinuierlicher Regen – und jedes Dasein ist wie Tropfen und der Tropfen kommt auf und fließt dann langsam eine Fläche entlang und in diesem Fluss, in diesem langsamen Entgleiten, entlässt er seine Spur auf der Fläche. Natürlich – mit jedem Moment die Fläche entlang, mit jedem Millimeter Spur, verliert der Tropfen an Masse aber diese Masse ist nicht wirklich verloren – sie ist ja in der Spur und selbst wenn der Tropfen dann irgendwann verschwunden ist, bleibt doch seine Spur und die Ahnung um ihn. Und wie der Tropfen also seine Spur auf die Fläche entlässt, so entlässt jeder Mensch sein Dasein in die Welt – jeder Moment des Lebens hinterlässt eine Spur in der Welt, in anderen Menschen – immer – und am Ende ist man nicht einfach vorbei, sondern man ist in der Welt. Zerstreut – aber man ist.“ Gräulich, als ich dann gehe.

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