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0510

Das ganze Stadtgeklopfe brachte mein Herztempo ganz durcheinander

 

Nach langer Zeit traf ich Nina wieder und redete mit ihr und schaute weg und hin und konnte mich nicht erinnern, dass sie früher wirklich so ausgesehen hatte, aber hatte sie und ihre Augen waren schon immer so groß gewesen und wir blieben auf dem kleinen Bahnhofsvorplatz stehen, der früher ein betoniertes Fußballfeld war und um uns herum liefen all die gesichtslosen Menschen und Nina redete und redete und ich dachte an früher und all die Jahre in diesem Trichter von Thal und an die Glücksbäder in den tropfigen Ruhrausläufern, die süßen, grellgeschminkten Tage mit Nina und Sanne und die süßeren Nächte mit Stefan und dem anderen Stefan, die ich beide geliebt hatte und dann doch nicht mehr mochte und die kühlen Plätze hinter den buntbemalten Betonpfeilern der Autobahnbrücken mit den Winkekatzen von morgen und die flachsteinigen Uferkanten und die Jagden durch die Gärten am Krebsberg und mitten in dem Grün der graue Rock meiner Oma, auf dem die Freizeit Revue wellig wurde, weil darauf Orangenstücke lagen, die die spröden Finger meiner Oma in ihren faltigen Mund stopften und allein die verwaschene Farbe ihres Rocks zeigte mir, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gab. Und die Zombies vor den Trinkhallen, die holzbeinigen Leute auf den metallischen Straßen, die wegliefen vor ihren zementierten Wohngefängnissen, um sich abends wieder dort einzusperren und die Rolltreppen-Armeen in den Läden der Volme-Galerie, mit schlaffen Gummi-Schultern und hängenden Armen und alle waren stolz, aber niemand wusste, worauf und alle konnten den Text von 99 Luftballons, und ich konnte ihn auch. Und die Autos, die jeden Tag durch uns rollten, die lärmenden Kreuze, A45, A46, A1 usw. usf. Und die Sirenen und die blauen Lichtlassos der Krankenwagen, die wild durch die Luft peitschten und das ganze Stadtgeklopfe brachte mein Herztempo ganz durcheinander und das stolperte dann und meine Mutter heulte beim Arzt und das war dann das große Ach unter unserem Dach und jedenfalls war das mit meinem Herz nicht gut und ich musste zur Kur und dann hörte es wieder auf und ich kam zurück und wusste, dass zurückkommen eigentlich was Schönes war, aber nach Hagen zurückkommen eben nicht und ich schwor mir, nur noch wegzugehen, aber nicht mehr zurückzukommen. Und als wir gemerkt hatten, hier gibt’s nichts und als wir endlich hatten abhauen können aus diesem Westloch voll Asphalt, unter dem sich einsam die Leute begruben, hatte es kein bisschen wehgetan, allein zu sein.

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