Foto: Dina Lucia Weiss
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0210

quartett #2

einblicke
er fragt aber nicht nach den fahrausweisen. sophia bleibt in der straßenbahn sitzen, hinter der vierergruppe, die sie gerade gemustert hat. leute mustern ist ein guter zeitvertreib. seit sie lena hat, fährt sie nicht mehr schwarz. lena schläft im tragtuch, das mutter und kind umwickelt und von einem einzigen festen knoten zusammengehalten wird. sie ist immer noch klein für ihre vier monate, obwohl sie schon merklich gewachsen ist. „die ist kleiner als unsere schwarze henne“, hat peters mutter gesagt, als sie das erste mal nach der entbindung bei ihnen zu besuch war. die schwarze henne ist in den backofen gesteckt worden und semmelknödelfülle hineingestopft, wo einmal eingeweide waren. einmal hatte sophia einen albtraum, in dem lena in den backofen klettert. als sie das kind herausnehmen will, hat sie in den händen zwei topflappen, die eine glasform festhalten, darin ein knuspriges brathuhn. seither hat sie nichts mehr gebacken und kontrolliert andauernd, ob der herd ausgeschaltet ist. peter nennt sie paranoid. und sie glaubt, dass peter sie betrügt. peter, der neben ihr sitzt und aus dem fenster ins schwarz des vorbeirauschenden tunnels sieht, hatte vor kurzem auch einen traum. unter jeder oberfläche ruhen abgründe, aber im gegensatz zu seiner frau lässt er niemanden hineinsehen. er behält das geträumte im kopf, wo es sich festsetzt und in endlosschleife immer aufs neue abspielt. er ist wieder drei jahre alt und sitzt mit lena im sandkasten. er nimmt lena die schaufel aus der hand, bis sie brüllt wie am spieß. wie eine mutter kommt marion zum spielplatz geeilt – seine marion mit den langen, schwarzen haaren und den großen brüsten, an die er sich drücken kann, sie nimmt ihm die schaufel aus der hand, hebt ihn hoch und trägt ihn davon. beim aufwachen hatte er das gefühl, er müsse sofort zum analytiker oder bei sophia beichte ablegen, beim frühstückskaffee wusste er schon, dass er schweigen wird. gegenüber von sophia sitzt eine frau, die offensichtlich einige jahre jünger ist als sie. die frau hat einen schönen körper und ein makelloses dekolletee, aber ein ausdrucksloses gesicht, findet sophia. um die augen ist sie zu stark geschminkt und ihre brille lässt sie brav aussehen: rahmenlos und mit schnörkseln und glitzersteinen an den bügeln. aber ihre lippen sind perfekt geformt, fast zu perfekt um echt zu sein. sie könnte peter gefallen, denkt sie. peter hat sie noch nicht registriert. neben der frau sitzt ein mann, der plötzlich seine stimme anhebt und die blicke von mutter, vater, kind auf sich zieht. er sagt seiner freundin (oder ist sie gar nicht seine freundin?), er werde heute nachmittag nach der arbeit ein neues handy kaufen gehen. eines mit internet, touchscreen und taschenlampe. wofür er denn die taschenlampe brauche, fragt die frau. sie verstehe ihn nicht, sagt der mann. beide rücken je einen zentimeter voneinander ab.

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