Foto: Dina Lucia Weiss
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0110

Wien

Als ich heute nach der Arbeit nach Hause kam, fand ich in meiner Wohnung einen Touristen vor. Auf den ersten Blick dachte ich: ein Asiate, auf den zweiten Blick: ein Amerikaner, auf den dritten: Er könnte von überall her sein. Auf den Gedanken, er könnte ein Einbrecher sein, kam ich nicht, denn er hatte (und das bestätigte er mir auch), überhaupt nichts angefasst.
Ich liebe die unberührte Natur!, sagte er. Dann erklärte mir, er hätte Wien abseits des Baedekers erkunden wollen und sei hier gelandet. Sehenswürdigkeiten interessierten ihn nicht, er reiste ja nicht, um andere Touristen zu erkunden.
Touristen, sagte der Tourist, sie zerstören die schönsten Plätze. Wenn er schon auf Reisen ging, dann suchte er nichts als die Authentizität, die wahre Seele des Landes.  Während seiner Rede war nicht zu überhören, dass er einen Akzent hatte, aber ich konnte ihn nicht einordnen: Einmal klang er hart und ruppig, dann wieder weich und singend, einmal rollte er die "R"s italienisch, dann wieder gurgelte er sie französisch. Alles in allem war es nicht leicht, ihn zu verstehen.
Er schwärmte sehr über meine Vorhänge (grün, mit Blumenmuster), über die ungewaschene Kaffeetasse mit ihrem Kaffeesud auf dem Tischchen, über den zusammengeklappten Laptop am Schreibtisch, die Staubschicht auf dem Fensterbrett.
Alles echt?, fragte er. Und diese Äpfel im Obstkorb, die haben Sie auch nicht extra für mich hingestellt?
Natürlich nicht, antwortete ich, ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie kommen.
Nein, sagte er, und schien ganz glückselig darüber. Dann fragte er, ob er ein Foto von mir machen dürfte, denn auch ich verkörpere das wahre Wien fernab aller Folklore, mit meinen abgetragenen Jeans und dem "Hard Rock Cafe Manchester"-Shirt. Aber er wollte nicht, dass ich posierte, lieber sollte ich mich ganz natürlich verhalten, wie man sich in Wien eben nach dem nach Hause kommen verhielte. Also ging ich zum Kühlschrank und nahm mir einen Becher Joghurt heraus, denn ich hatte großen Hunger. Der Tourist war ganz überwältigt von dem rosa Joghurtbecher. Er hielt den Moment, in dem ich die Folie vom Becher zog, mit seiner Kamera fest. Für die Ewigkeit, schwärmte er. Ich fragte, ob er auch etwas wollte, Tee oder Kaffee vielleicht, aber er musste weiter. Das Haus, in dem ich lebte, hatte fünfundachtzig Wohnungen, und meine wäre es die zweiundzwanzigste. Aber um Wien zu kennen, sagte der Tourist, muss man alle Wohnungen kennen!
Als er gegangen war, saß ich am Sofa und aß und überlegte mir, ob das Löffeln von Erdbeerjoghurt wirklich so wienerisch war. Und ja, doch, ich fühlte mich plötzlich sehr repräsentativ.
Ich wusste nun endlich, wie sich der Stephansdom fühlen musste.Das nächste Mal würde ich aber Eintritt verlangen.

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