Foto: Dina Lucia Weiss
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Die Krankheit

Ich bin ein stiller Hypochonder. So still, dass es niemand merkt. Aber wenn ich morgens die Augen aufschlage, weiß ich, dass ich sterben werde. Und nicht irgendwann und irgendwie. Das Kratzen in meinem Hals ist das Scharen des Todes. Mein Körper hat mich aufgegeben. Ich trauere kurze Zeit um mein Leben, dann stehe ich auf. Ich gehe ins Badezimmer und wasche mein Gesicht. Nivea ist meine letzte Ölung. Ich ziehe mir Kleider an, irgendwelche, nichts feierliches, so sehr habe ich mich mit meinem Sterben abgefunden. Ich kämme mich lange. Mein Haar ist das erste an mir, das schon gestorben ist. Zum Frühstück esse ich, was ich am Vortag gekauft habe, obwohl es mir schon da nicht gut ging. Es ist ein großer Zufall (Glück möchte ich nicht sagen), dass ich lange genug gelebt habe, um dieses Frühstück zu mir zu nehmen. Mittlerweile habe ich schon ein oder zwei Mal geniest. Dann schleppe ich mich zur Arbeit, wenn ich gerade eine habe, oder tue sonst etwas, das gerade anfällt. Notwendig ist nichts mehr. Wenn die Leute in der Straßenbahn mir nicht sagen, dass ich sehr schlecht aussehe, so ist es reine Höflichkeit. Zum Arzt gehe ich nicht, weil er mir auch nicht mehr helfen kann. Auch spreche ich mit niemandem darüber, weil ich die guten Ratschläge nicht ertragen könnte. Keiner will wahrhaben, dass mein Körper mir langsam seine Dienste versagt, weil das heißen würde, dass auch der eigene Körper einmal seine Dienste versagen könnte. "Trinkst du auch viel Tee und isst viel Obst und machst Sport... ", weil sie in Wahrheit glauben, unsterblich zu sein, weil sie viel Tee trinken und viel Obst essen und Sport machen. Ich versuche besser nicht aufzufallen. Meine Arbeit, oder was sonst gerade anfällt, mache ich besonders gut und sorgfältig, sodass niemand Anlass zur Beschwerde hat. Soweit ist es gekommen: Meine Sterben ist mir peinlich. Derweil spüre ich jeden Herzschlag so deutlich, als wäre es mein letzter.
Wenn ich abends nach Hause gehe, mache ich doch noch etwas widerwillig einen Bogen zum Nahversorger und kaufe Milch und Brot für den nächsten Morgen, der für mich nie anbrechen wird. Soll der Arzt, der niemandem helfen kann, soll der Leichenbestatter noch eine gute Jause haben, denke ich beinahe heiter. Dann liege ich vor dem Fernseher, es läuft "How I met your mother" (ich werde niemandes Mutter mehr kennenlernen). Aber ich habe weder Angst noch bin ich sonderlich traurig, sondern eher neugierig. Neugierig, welches Organ wohl als erstes versagt: Wird es ein Hirnschlag sein? Ein Herzinfarkt? Werden die Nieren anschwellen oder die Lunge explodieren? Alles fühlt sich schlecht an. Wenn mich die Müdigkeit übermannt (ein weiteres Anzeichen meines Ablebens), kann ich noch mit letzten Kräften ins Bad schlurfen, Zähne putzen, manchmal noch duschen, Pyjama anziehen, alles strengt mich an. Dann lege ich mich unter die Schwere meiner Bettdecke und fühle mich erdrückt. Ich schließe meine Augen. Nur eine Sekunde lang, kurz bevor ich einschlafe, denke ich noch: Ach, ich bin doch ein furchtbarer Hypochonder. Aber wenn ich am nächsten Morgen aufwache, ist mein Mund wieder trocken und der Tod schabt in meinem Hals. So sind alle Tage letzte.

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