Foto: Dina Lucia Weiss
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0927

Roma, Martedì 16 Aprile – Irgendwo hinter Tiburtina

Und jetzt fehlen mir doch die Worte. Dabei hab ich noch, beim Fotografieren von diesem Himmel und diesen Linien und diesen Gittern und den abbröckelnden Fassaden, noch gedacht: Und was ich nicht aufs Foto bannen kann, das erzähl ich dann. Der Wind, wie er Abfall über die Straßen treibt, aber nicht wegträgt, nein, hin und her, vor und zurück, so dass die Zeitungen immer mehr zerfleddern, die Prospekte von sechs Pack Orangensaft zu einem fetten Preis in einem gelben Stern. Oder die Hitze. Oder die Kirschblütenschicht über der Hundescheisse, die dir dann rosa am Schuh klebt und sich mit dem Geruch von versengtem Staub und Dreck vermengt. Noch sind da Farben, aber man merkt schon, wie sie unter der Hitze bald verblassen werden. Und dazwischen Menschen in Armeleutemode, die immer etwas greller, immer etwas verwaschener, etwas enger, etwas muskulöser, etwas greller geschminkt und ohne Ironie getragen wird, dazu Plastik und dazu Plastik.

Und diese Häuser, die an den Fassaden auszufransen, deren Balkone überzuquellen scheinen (sogar der Beton scheint im Frühling ein wenig aufzublühen), deren Unterhemden am Wind reißen und deren Wäscheleinen die Häuser überhaupt erst zusammenhalten. Und wie mich dann, als ich über die Autostraßenbrücke gehe, als ich wieder Fotos machen muss, weil diese Tiburtina-Zugstation so schräg in der Landschaft steht, mit ihrem 70er-Chic, der schon jetzt nicht mehr retro, sondern veraltet wirkt, bevor sie fertig gestellt ist, die jemand hier so gedankenlos reingepflanzt hat, dass ich mich in diesen Unsinn sofort etwas verliebe, vor dem alle Menschen, die da rumstehen, auf eine seltsame Art einsam wirken.

Titel: ro(a)m

Jedenfalls, als ich die Brücke geschafft und zur Station runter, den Gleisen entlang, stehen bleibe, weil ein jahrhundertalter Baumstruck alles so schön kontrastiert, als hätte ihn ein junger weißer wütender Künstler dahin gestellt, plötzlich ein Mann anspricht, eine Gitarre aufm Rücken, graue Haare, sieht bisschen aus wie der Red Hot Chili Bassist, sagt etwas auf Englisch, ich verstehe ihn auf Italienisch nicht, sweet illusions steht zwischen den Gleisen an ein kleinen Betonschuppen gesprayt, er deutet mit den Händen hin, ich bin immer noch so erschrocken, dass ich ihn nicht verstehe, obwohl ich ganz gut englisch spreche. Er versucht es weiter, will er, dass ich das fotografiere?, will er mir zeigen, dass genau das alles zusammenfasst?, das alles, diese Landschaft, dieses Leben, will er mir sagen, dass ich mit meinem Fotoapparat dazugehöre? Weil ich ihn nicht falsch verstehen will, verstehe ich ihn gar nicht, bevor er es ganz aufgibt, entfährt ihm ein heiseres Lachen – ein halber Zahn wird sichtbar – das kaum seinen Mund verlässt, und ich hab erst noch gedacht, ob er Geld will, überhaupt, was er von mir will, und hab ich ihn deshalb nicht verstanden? Und sein Kumpel, den ich erst dann bemerkt hatte, verabschiedet sich ebenfalls lachend, ich mich auch, immer noch mit diesem fragenden Blick. Und denke, das wär´s gewesen, ein Römer, der reden will, endlich einer, der die Stadt anschaut, auch wenn es vielleicht in einem Spruch endet, einem Liedtext, denk ich immer, meint er Guns n´Roses, Sweet child of mine, auf Use your illusions, meint er das, hat er deshalb so seltsame Gesten mit den Händen gemacht, dass ich gleich das Pflanzengewachse auf Chilli Peppers‘ Blood, sugar sex and Magic vor mir gesehen hab. Was hat er gemeint, denk ich, und denk noch im Gehen, das war meine Chance, endlich in ein Leben in Rom einzutauchen, Drogen, denk ich, Absturz, denk ich, und Glück verpasst, in einer Szene weit weg von diesem Institut, einem Sommer auf der Straße, nein, das denk ich erst jetzt, jetzt, wo ich auch denk, diese Sehnsucht nach dem anderen Leben, dass das erstens das Leben ist und dass es zweitens dumm ist, dass ich doch sehr intensiv lebe in meinem Zuschauen, dass ich mit allen Sinnen zuschaue, dass mir Dinge passieren, ja zustoßen, meine Blicke, mein Riechen, ganz unvorhergesehen, in diesem Tiburtina, wie das Nießen, das mich in plötzlichen Schüben überkommt, fünf, sechs Mal, so stößt mir doch auch mein Sehen zu, so lebe ich doch auch hier, in meinem Turm, es gibt nur ein Leben, egal, wie man es nennt, und es ist immer ein Leben, ein gutes, und alles andere ist Hirnwäsche von Revolutionären und Verkäufern, von Anlagestrategen und Philosophen. Es gibt nur, was ich seh, und es gibt es nur, wenn ich es seh. Wer hat das gesagt? – Heimat ist, was zurückbleibt, wenn man unfreiwillig reist. Erfahrung ist, was man macht, wenn man nicht mehr weiter weiß.


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