Foto: Dina Lucia Weiss
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21 - Löffel

Wenn ich an einen einzigen Punkt in die Vergangenheit reisen dürfte. Wenn das möglich wäre. Ein weitläufiger Flashback. Dann würde ich in unsere Wohnung zurückgehen. An einem Sonntag. Im Vorschulzeitalter. Ein Tag, an dem wir zu dritt auf dem Balkon sitzen. Und es gibt Quarkspeise mit Erdbeeren und ich mache rote und rosafarbene Spiralen mit dem Löffel. Und die Erdbeeren sind süss und aus der Umgebung. Und mein Vater hustet nur wenig, zeigt mir im Ahornbaum eine Elster. Dass sie Nesträuber sind, sagt er, während meine Mutter den grossen Löffel ableckt, mit der Wölbung nach aussen. Ihn in die Sonne hält, dass er Lichter an die Balkondecke wirft. Und auch mich einen Augenblick blendet. Und sie sagt, dass die Elstern auch Löffel klauen. Dass sie es selbst erlebt habe, als Kind. So einen kleinen silbernen Teelöffel, vom Gartentisch. Was machen denn Elstern mit Löffeln? Und ich stelle mich auf den Stuhl, trage einen kleinen Löffel auf den flach nach oben geöffneten Händen, um den Mund einen hellrosa Quarkbart. Und mein Vater nimmt mich hoch, auf den Arm, hält mich fest, so dass ich beide Hände über die Brüstung strecken kann, während meine Mutter in die Küche geht, um Alufolie zu holen. Und ruft, dass der Löffel ein Erbstück sei, aus seiner Familie. Und dann tauscht sie die Folie gegen den Löffel, aber die Elster, genauso schwarz-weiss wie meine Mutter in ihrem Etuikleid, fliegt hoch, über den Wipfel des Ahorns und ist nicht mehr zu sehen. Mein Vater atmet schwer, aber lacht. Und er legt die Folie auf die Brüstung, beschwert sie mit einer Erdbeere. Bestimmt ist sie weg, wenn wir wieder zurück sind. Denn wir gehen jetzt in den Park, gehen zum Entenweiher und lassen ein kleines Segelboot ins Wasser, an einer Kordel, damit es nicht abtreibt. Mein Vater und ich, wir hocken im Gras, meine Mutter steht in dem schönen Kleid auf einem Stein, um die Schuhe zu schonen. Und sie singt das Lied vom Schiff. Das wird kommen. Und wenn sie den ich so lieb wie keinen singt, schaut sie meinen Vater an. Und als ich das Boot durchs Wasser ziehe, ein paar neugierige Teichhühner versuchen es kentern zu lassen, umarmen sich meine Eltern im Park. Am Sonntag. Es ist Juni. Ich bin fünf. Und mein Vater hat einen guten Tag. Meine Mutter singt. Wir sind eine Familie. Ich möchte in dieses Gefühl zurück. Es gab viele solcher Tage. Feiertage. Wochenenden. Ferien. Es gab sie. Es gab sie oft. Ich möchte mit dir an einen Ort, den wir beide nicht kennen, wo Gerüche sind, die wir beide nicht kennen. Gerüche, Geräusche und Farben. Ich möchte mit dir für möglich halten, was wir beide nicht für möglich gehalten haben. Zuvor.


(Aus: Hinter den Augen, Luftschacht Verlag, 2013)

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