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0607

„Zweite“ Nachricht


Claudia,

Es ist später Nachmittag und ich sehe mir eine Dokumentation über ein russisches Atom-U-Boot an. Bevor es losgeht spricht der Kommandant zu seiner Mannschaft. Jeder U-Boot-Fahrer, sagt er, trägt die Verantwortung für jeden anderen. Ich will, dass ihr euch das stets im Gedächtnis behaltet und immer auf der Hut seid. Dann gibt er den Befehl, an Bord zu gehen und die Männer begeben sich auf ihre Stationen. Der Kommandant selbst hält sich in seiner Kajüte zwei Schildkröten. Er gibt frisches Wasser und einige Salatblätter in den Glaskasten und flüstert ein paar Worte, er lächelt. Die Schildkröten wirken eher konsterniert. Es sind entweder Hieroglyphen- oder Gelbwangen-Schmuckschildkröten, so genau kann ich das nicht erkennen. Vorsichtshalber schreibe ich mir beide Arten auf.  Pseudemys concinna, schreibe ich, Trachemys Scripta Scripta.  Als das Waffensystem sein Ziel erreicht hat, feuert die Besatzung eine einzelne Übungsrakete ab, die achttausend Kilometer weit entfernt, irgendwo auf der Halbinsel Kamtschatka einschlägt. Der Entschluss, die Rakete zu zünden, erzählt der Kommandant, setzt eine Kette von komplizierten Berechnungen in Gang. Alle müssen sich besonders konzentrieren damit es klappt. Die Gefahr besteht, dass die Rakete im Inneren des Schiffes explodiert. Dann wären wir verloren, murmelt er und klopft dreimal auf Holz. Kurz vorher hat man erfahren, dass der Kapitän sehr abergläubisch ist. Er schaut noch eine Weile schweigend in die Kamera, bevor ein Alarm das Schiff erneut in die Tiefe zwingt.

0603

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„Erste“ Nachricht

Claudia,

Es ist vier Uhr morgens und ich sehe mir eine weitere Dokumentation über das Leben von Marylin Manson an. Vor einer Stunde ist der Pinguin endlich eingeschlafen, aber dafür bin ich jetzt völlig von der Rolle. Er hat ein fürchterliches Theater gemacht und mir in die Hand gebissen. Er ist seit einiger Zeit wieder sehr unruhig und ich musste ihm eine halbe Valium in seinen Tintenfisch geben. Ich weiß nicht, was ihn so aufbringt, aber andererseits bin ich auch nicht in der Lage ultraviolettes Licht wahrzunehmen. Wer weiß schon, frage ich mich, was sich außerhalb unseres Wahrnehmungsbereichs alles abspielt.


Manson sitzt in einem schwarzen Sweatshirt auf dem Boden und malt. Wann immer er musikalisch frustriert sei, erzählt er, helfe ihm die Malerei. Ich finde die Bilder nicht besonders. Dann ruft Mansons Mutter an. Sie unterhalten sich. Was soll ich sagen, sagt Barbara Wyer, seine Mutter, alles, was man sich über meinen Sohn erzählt, entspricht der Wahrheit. Ich spule vor: Manson bei Wendy’s am Flughafen von Los Angeles, eine Kellnerin macht ihm ein Kompliment. Er lächelt und beißt in seinen Cheeseburger. Auf dem Weg zum Gate gibt ihm ein Mann die Hand. Ich spule nochmal vor. Manson ist in Tokio. Er brät sich ein Scheibchen Kobe-Beef. Ich merke, wie ich müde werde. In zwei Stunden muss ich aufstehen und auf die Arbeit. Ich bekomme schon nicht mehr mit, wie Manson auf der Ginza Spielsachen kauft. Als ich am Morgen aufstehe, läuft eine Dokumentation über Laubbläser, ich suche die Fernbedienung, um lauter zu machen.

0601

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„erste“ Nachricht

Claudia,

Television: MTV Cribs. Es ist das Haus von Twiggy Ramirez, dem Bassisten von Marylin Manson. Obwohl draußen die Sonne scheint, ist es im Inneren des Hauses sehr dunkel. Die schwarzen Vorhänge sind zugezogen. Im Vorgarten stehen Rosenspaliere in altrosa. Twiggy geht durch sein Wohnzimmer und hebt einen ausgestopften Fasan vom Kaminsims, der eine amerikanische Flagge in seinen Krallen hält. In einem anderen Zimmer sitzt ein Hare Krishna Mönch im Schneidersitz und liest eine Zeitschrift. Twiggy stellt ihn uns als George vor, seinen spirituellen Ratgeber. Daneben: Gitarren, Bässe. Als Twiggy gerade seine DVD-Sammlung vorstellt, klingelt es an der Tür. Marylin Manson tritt ein. Er trägt einen Cowboyhut aus Leder, Lederklamotten und eine Sonnenbrille. „I don’t feel good“ sagt er und hält sich den Bauch. Er begrüßt George und nimmt neben ihm Platz. Die Tour geht weiter. Twiggy zeigt sein Schlafzimmer, die Küche, den Kühlschrank, die obligatorische Flasche Dom Perignon. Im Garten steht ein Pontiac Trans Am. Dann ist die Folge vorbei. Ich mache mir Notizen: Hare Krishna, Trans-Am. Dann schließe ich den Browser und speichere das Dokument in einen Unterordner ab. Ich fahre den Rechner runter und sehe aus dem Fenster. Das Mädchen sitzt noch immer auf dem Balkon. Was macht sie nur den ganzen Tag?

0531

PROTOKOLL II: KARIN SEEFELD, KAdm

"Ich würde dich gerne fragen wo und wann du in deinem Leben Starbucks-Filialen besucht hast."

"Hm?"

"Es geht gar nicht so sehr um Vollständigkeit. Zähl einfach die auf, an die du dich erinnerst."

"Wozu soll das gut sein?"

"Ich dachte wir haben uns darauf geeinigt solche Fragen mir zu überlassen."

"London. Es war Winter. 1996 oder 97. Die Themse hat Eis getrieben und war stellenweise ganz zugefroren. Wir waren in der Nähe der Chelsea Bridge. Ich und meine Mutter. Ich habe einen Kakao bekommen. Er hat mir nicht geschmeckt. Er war bitter. Ich war damals sechs Jahre alt."

Er denkt: unmöglich. Das letzte Mal ist die Themse während des sogenannten kalten Jahres 1816 zugefroren als der Vulkan Tambora Tonnen von Asche und Schwefel in die Atmosphäre katapultierte und Mary Shelley die Arbeit an Frankensteins Monster begann. Es regnet ununterbrochen. Europa ist verwüstet, die napoleonischen Kriege sind gerade vorbei. Er notiert: Napoleon … Shelley … Darkness … Distance. Warum lügt sie?

0526

29.5.xx

Zum Frühstück ausschließlich Obst, Drachenfrucht, Mango, ein wenig Granatapfel. Ich reise ab. Mittlerweile meint man, man könne die Signale mit bloßem Ohr hören. Manche berichten über ein unangenehmes Kribbeln. Ich habe schlecht geträumt, wohl nicht weiter verwunderlich. Kurz vor der Abreise überreicht man mir eine Mappe mit befremdlichem Inhalt. Ich schaue nochmal bei Yamamoto vorbei. Er hat sich in sein Häuschen zurückgezogen. Gerade noch so schauen die zitternden Fühler hervor. Armer Yamamoto. Allerdings, seine Spezies hat schon ganz andere Sachen überlebt. Ich versuche, mir keine Sorgen zu machen.

0525

PROTOKOLL I : KARIN SEEFELD, KAdm

"Sie leben in einer Traumwelt."

"Das klingt etwas merkwürdig angesichts deiner ... Situation. Findest du nicht?"

"Nicht für mich."

Sie dreht das Starbucks-Zuckertütchen solange ein, bis daraus eine verdichtete, kompakte Struktur entsteht, die sie dann wieder aufdröselt.

"Woher weißt du eigentlich, dass es wirklich er ist? In deinem Traum?"

"Seine Ausstrahlung. Dieses Charisma, die Bürde und Heiterkeit seiner Macht."

"Ein Bandana?"

"Genau … genau."

"Und du bist dir sicher?"

"Ich bin mir nicht sicher. Es ist ein Traum. Aber ich weiß einfach, dass es er ist."

Er schreibt etwas auf.

"Wie fühlst du dich?"

"Wie, jetzt gerade?"

"Nein, in dem Traum. Wie fühlst du dich in dem Traum. Was würdest du sagen ist die vorherrschende Empfindung? Unruhe? Angst? Ehrfurcht?"

"Unruhe. Nein. Eigentlich nicht. Im Gegenteil. Alles erscheint absolut ausgeglichen. Allerdings … es ist wie … es fühlt sich an, als befände sich das ganze Universum auf einer Ebene, die ihrerseits auf der Spitze einer Pyramide balanciert. Schwindel. Alles würde kippen, sollte irgendjemand seine Position auch nur minimal verändern. Aber doch, da ist auch Angst. Womöglich. Unmöglich zu sagen, was als nächstes passieren wird."

Er schreibt: instabile Ebene, schwankend auf einer Pyramide, Vertigo. Er unterstreicht Vertigo. Einmal, zweimal.

"Obwohl das ja immer unmöglich ist. Zu sagen was als nächstes passiert."

"Und weiter?"

"Es sind noch ein paar andere Leute da. Aber die kenne ich nicht. Das sind alles Leute, die ich nicht kenne."

"Bist du dir sicher? Versuch es dir noch einmal vorzustellen. Barack H. Obama. Barack Hussein Obama?"

Ihre Pupillen weiten sich wie die Linsen eines Weltraumteleskops. Verschiedene bewegliche Spiegel, die langsam und präzise ihre Position zueinander verschieben.

"Unsere Träume. Wo kommen die her, können Sie mir das sagen?“

„Ich warte.“

„Er sitzt eben gerade nicht genau in der Mitte. Er sitzt auf so subtile Weise jenseits der Mitte, dass sie dadurch erst wirklich in Erscheinung tritt. Die Mitte des Raums. Das Zentrum."

Er streicht etwas durch und notiert stattdessen: 'Die Mitte ist überall.' Ganz leise läuft: Losing my Religion. Sie trägt den Dienstanzug der Marine. Zweireiher mit Goldknöpfen. Das goldglänzende Tätigkeitsabzeichen. Kanariengelbe Schützenschnur. Die bunte Bandschnalle und darunter ihr Name. KARIN SEEFELD. Die Mütze hat sie auf den Tisch gelegt und danach nicht mehr angefasst. Sie sitzt nicht wirklich gerade. Die Haut ihres Gesichts ist grau vor Erschöpfung. Faszinierend, denkt er, wie rasch man verfällt.

0524

24.5.xx

Zum Frühstück ein Wildkräutersalat an Johannisbeervinaigrette. Ich sitze den ganzen Morgen herum, bin unruhig und fahrig und habe das Gefühl, jeden Moment schlechte Nachrichten zu erhalten. Yamamoto geht es genauso, nervös kriecht er umher. Ich versuche, ihn und mich zu beruhigen, indem ich laut Haikus von Kobayashi Issa rezitiere:

„Ja, kleine Schnecke / Besteige den Berg Fuji / Aber ganz langsam.“

0523

23.5.xx

Zum Frühstück einige Buttermilch-Sphären und eine Handvoll Pekannüsse. Ich muss aufhören, das Labor als Küche zu benutzen. Heute also der Anruf aus Bern. Die Regierung sitzt in Beratungen. Man hat vor mich auf eine Konferenz zu schicken. Was gibt es zu konferieren, frage ich mich. Man bekommt kein Mobilfunknetz, den anderen geht es genauso, auch das W-Lan streikt. Vor dem Institut parken dicht an dicht die Übertragungswagen. Die Technik spielt verrückt, die Reporter stehen herum, rauchen und spekulieren. Man sieht wieder vermehrt Notizblöcke. Zum Glück bin ich mit dem Kickboard gekommen. Elegant wie ein Hammerhai umkurve ich die Paparazzi.

0522


„Dritte“ Nachricht:

Du ahnst es doch schon, dass deine Bemühungen fruchtlos bleiben und deine Träume unverwirklicht, dein Bankkonto leer, deine Kleidung zerschlissen und von Motten zernagt, dein Abschluss unvollständig, die Beziehung zu deinen Eltern gestelzt und gestört, deine Social-Media-Accounts totale Rohrkrepier und das Display deines Smartphones wirst du in hundert Jahren noch nicht repariert haben, und du wirst dir auch niemals ein neues kaufen, deine Spaziergänge sind ohne Ziel und ohne Frage, deine Ansichten zur Natur und zur Sexualität unzusammenhängend, inköharent und nichts weiter als nervöses Gejauner in den Ohren eines indifferenten Psychiaters, sieh den Tatsachen ins Auge, HOMBRE, niemand hat dich darum gebeten, der Welt deinen Schmerz mitzuteilen, dich modisch zu kleiden, deine Ausdrucksfähigkeit zu verbessern, teures Parfüm aufzutragen oder deine Haare mit Wachs zu frisieren, mag sein, dass ich dich einst genau dazu ermutigt habe aber dir sollte doch längst klar geworden sein, dass ich das nur gemacht habe um dich reinzulegen und damit du uns endlich in Ruhe lässt, und dass der geringe Vorrat an Sympathie und Geduld, den das Universum dir und allen anderen vorschießt, mittlerweile verbraucht ist, und mein Rat an dich kann also nur lauten: Lege den Stift hin, schalt den Computer aus, versuche noch umzusatteln (es ist noch nicht zu spät; du hast zwar herumgetrödelt wie ein Weltmeister, aber wenn du jetzt sofort handelst, kannst du es noch immer zum Logopäden bringen), lauf in die nächste Drogerie, kauf ein Päckchen Zahnseide mit Minzaroma und drehe aus dieser Zahnseide mit Minzaroma einen Strick, der dein geringes Gewicht zu tragen imstande ist und dann hänge dich daran auf, so stinkt zumindest dein Hals nicht, wenn sie dich runterschneiden.

0519

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„Zweite“ Nachricht:


Traum:

Meine Hände riechen komisch, eklig, vergammelt, nach altem Brot, Eiweiß und eingetrocknetem Sperma. Ich wache auf und stelle fest, dass sich über Nacht aus meinen Handinnenseiten büschelweise schleimige Fruchtkörper erhoben haben.

0518

18.5.xx

Zum Frühstück nichts als ein eisgekühlter Ristretto aus dem Rest der Mailänder Bohnen. Viel Zucker. Das Institut ist Leben und Bewegung. Die Signale sind wieder da, ungleich stärker als beim letzten Mal. Unaufhörlich läutet das Telefon. Die Presse fragt, was los ist. Wir wissen es nicht. Irgendwann ein Anruf von der ISS-Kontrollstation, da oben spielen alle Instrumente verrückt, außerdem klagen die Astronauten über Kopfweh und Albträume. Ich nehme an, man wird alsbald eine Konferenz anberaumen. Um mich zu beruhigen gehe ich rüber ins Labor um Yamamoto zu besuchen. Er sitzt ganz oben auf seinem Zweig, seine Punktaugen starr gen Himmel gerichtet. Dr. Yamamoto, frage ich, irgendwelche Theorien. Er reibt sich die Fangarme.

0517

17.5.xx

Zum Frühstück ein Vollkornsandwich mit Roastbeef, Perlzwiebeln und Dijonsenf. Tomatensaft ohne Salz und Pfeffer.
Die Signale sind verstummt. Alle sind einigermaßen enttäuscht. Ich muss zugegeben: Ich auch, aber diese Blöße gebe ich mir nicht vor den Kollegen. Business as usual. In der Mittagspause male ich ein Bild von Fuji mit einer Raumstation darauf in der ich und Tatjana gemeinsam leben und wo der Tod keine Herrschaft hat. Meine Trauer ist a-typisch, denke ich.

0513

13.5.xx

Im Institut weiterhin nichts als Ungemach. Niemand macht seine Arbeit. Alle hängen nur um die Monitore des Horchsatelliten herum und warten auf eine Änderung der Signale. Ich muss sagen, dass ich mich einer gewissen Skepsis nicht erwehren kann. Die Messungen weisen eigentlich nicht auf einen Pulsar hin, was auch immer es ist, es emittiert lupenreine Radiowellen, keine Röntgen oder Gammastrahlung und ist außerdem nicht lokalisierbar. Ich müsste eine offizielle Anfrage an die NASA schicken, damit die sich das mal anschauen, aber die sind immer so wahnsinnig arrogant. Mal schauen. Kurz vor Feierabend ruft ein Kollege vom CERN an und fragt völlig entnervt, was zum Teufel das für Signale seien, so ziemlich jedes Experiment von ihnen wird gestört und verfälscht. Er komme sich vor wie ein Geiger, den man zwingt, in der fahrenden U-Bahn zu proben. Komischer Kauz.

0512

12.5.xx

Zum Frühstück Tamagoyaki, Misosuppe, ein hauchdünnes Scheibchen Yellowfin-Sashimi, das ich mir per Kurier direkt aus Tokio habe schicken lassen. Manchmal vermisse ich Japan. Auch Tatjana hat Japan immer gemocht. Sie war so stolz, als man mich zum Tenno zitierte für eine kleine Lehrstunde in Astronomie. Der Kaiser war der beste Schüler, den man sich vorstellen konnte, ein unglaublich wacher Geist. Er verstand alles, obschon er gerade erst vier geworden war. Zum Dank schenkte er mir eine einzelne Orchidee und für Tatjana einen goldbestickten Kimono, dessen Wert kaum zu schätzen ist. Es erscheint mir absurd, wie glücklich ich damals gewesen bin. Absurd.

0510

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„Erste“ Nachricht:


I used to be so smart/
so clever, you know?

I used to be the smartest of my class and later in college
I amazed everyone with my vast knowledge and overall approachability.

I knew beauty,
you know /
once it presented itself.

I had my eyes open for many a day.

I even used to be occasionally brave

For example:

I went to Spain once all by myself & had
Chocolate con Churros at some totally random place near the trainstation & smoked a cigarette on a bench near Jardín Botànico & I did this all by myself. This is how brave I used to be.

Look at me now.
Look at me now.
How could I ever
Have become so unapproachable

0509

9.5.xx

Zum Frühstück Filetspitzen, blutig, vier junge Karotten, dampfgegart ohne Salz im institutseigenen Erhitzer, ein halbes Glas Ziegenmilch. Anruf der amerikanischen Kollegen, ob wir auch diese Signale abgefangen hätten, ich bestätige. Pulsare, fragt der Kollege. Ich sage: Was sonst? Schweigen. Was sonst, frage ich noch einmal. Die Leitung rauscht. Der Kollege rät uns, unsere Regierung zu kontaktieren und verabschiedet sich. Ich habe durchaus Sinn für Dramatik, aber nur wegen ein paar Signalen fahre ich mit Sicherheit nicht nach Bern.

0507

comet_jet_in_3d
Foto: ESA

0506

6.5.xx

Zum Frühstück kaltes Rebhuhn, danach Himbeersüppchen. Eine mikroskopische Menge Jacu-Kaffee. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein sehr muskulöser Mensch. Ich würde enge Leibchen tragen und mich vor den Leuten aufbauen. Arbeit im Institut. Alle sind in heller Aufregung, weil sie irgendwelche regelmäßigen Signale von ewig weit her empfangen haben. Ich bin mir sicher es ist ein Pulsar. Es ist immer ein Pulsar. Das Leben ist voller Pulsare.

0505

„Zweite Nachricht“

Meine liebe Claudia, gerade wurde der Programmfluss im Fernseher unterbrochen durch die Eilmeldung, dass im Himmel über Süddeutschland die Eintrittsfeuer mehrerer Kometen gesichtet wurden. Zudem sei anscheinend ein Donnergrollen zu hören gewesen, das, so ein schlaftrunkener Experte, mehrere Ursachen haben könnte. Der Meteorit, so führte der Experte anhand eines Tischtennisballs in seiner linken Hand aus, verdrängt die Luft vor sich und zieht eine Schleppe aus luftleerem Raum hinter sich her und die daraus entstehende Druckwelle lässt Fensterscheiben explodieren und setzt Alarmanlagen in Gang. Er hielt den Tischtennisball in der einen Hand und mit der anderen Hand machte er eine Bewegung, als besprenge er etwas. Man wisse einfach zu wenig, um eine genaue eine Aussage über die Natur des Ereignisses treffen zu können. Details seien ja nicht bekannt. Immer wieder wurden dann die gleichen, lautlosen Bilder eingeblendet. Aufgenommen von der Dashcam eines Fahrzeugs der Polizei, das aus welchen Gründen auch immer in diesen Stunden mit hoher Geschwindigkeit auf der nächtlichen Landstraße unterwegs war und plötzlich ist da dieses giftgrüne Lodern, das Wiesen und Felder erhellt. Man wisse nichts Genaues, so das Resümee des sichtlich erschöpften Nachtmoderators, man müsse den Morgen abwarten

0504

4.5.xx

Zum Frühstück etwas gehackter Lauch auf einer Scheibe Schwarzbrot. Schwarztee mit Milch.
Saß auf einer Bank am Genfer See. Der Mond war noch sichtbar. Rosig. Was für ein langweiliger Felsen ... Ich bin mir fast sicher, dass auch Fuji einen Trabanten besitzt. Womöglich aus reinem Palladium. Habe gestern Abend versucht Tatjana anzurufen. Tatjana. Oh, ich wünschte ich hätte einen Planeten nach dir benennen können.

0503

3.5.xx

Zum Frühstück ein Lammsülzchen sowie Vorarlberger Käse mit süßscharfem Senf. Ich frage mich, ob ich gewisse Annahmen in Bezug auf Fujis Zusammensetzung nicht überdenken sollte, aber zum Überdenken sehe ich mich eigentlich nicht imstande. Per Post neue Daten vom Institut. Man sagt mir, es sei unmöglich, dass es auf Fuji Wasser gibt. Er sei zu weit weg von seinem Zentralgestirn. Ich bin zu weit weg von meinem Zentralgestirn.

0502

2.5.xx

Zum Frühstück ein Stück Valrhona-Schokolade sowie eine halbe Nashi-Birne im Shuttle zum Airport. Preisgabe der Entdeckung von Fuji und Theben voller Erfolg. Kollegen alle sehr freundlich, bin dennoch ängstlich und traurig. Eine Werbung für Uhren auf der ein einzelner Mann sich durch eine karge Landschaft bewegt, rührt mich beinahe zu Tränen. Vermute der Mars hat was damit zu tun.

0501

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„Erste“ Nachricht:

Unser Puzzle nimmt langsam Gestalt an. Heute Früh ist es mir gelungen fast die gesamte rechte, obere Ecke zusammenzufügen. Es ist allerdings noch immer unmöglich auf das Motiv zu schließen. Entgegen deiner Theorie glaube ich nicht länger, dass es sich um eine Aufnahme des Sternenhimmels handelt. Vielmehr scheint das Puzzle eine Art Ebene aus schwarzem Gestein abzubilden, die bunten Einsprengsel, die du als interstellare Nebel gedeutet hast, könnten dann entweder auf spärliche Vegetation oder mineralische Einschlüsse hindeuten. Vielleicht denken wir aber auch allgemein in die falsche Richtung und es handelt sich um etwas gänzlich Abstraktes. Ein Gemälde von Joan Mirò vielleicht? Oder eines von Pollocks berühmten Drip-Paintings? Das würde die weitere Arbeit natürlich ungleich erschweren.